HERR VON GIERS
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sich wie ein Gentleman und machte der reichsten für ihn zugänglichenErbin den Hof. Auch deren Schicksal war merkwürdig gewesen. Sie war dieAdoptivtochter des Bankiers Stieglitz , die vor dessen Haus, in bescheideneWindeln eingewickelt, als eben geborenes Kind von den Hausknechten, denDvorniks, an einem kalten Wintermorgen gefunden worden war. Stieglitz stammte aus Hannover . Es wurde erzählt, daß in alter Zeit, long ago, zweikleine, aber intelligente Judenknaben die Stadt an der Leine verlassenhätten, um in der Welt ihr Glück zu suchen. Der eine ging nach Hamburg und wurde der Altervater der dort und von dort aus in Paris florierendenBankierfamilie Heine. Der andere ging nach St. Petersburg und gründetedas Bankhaus Stieglitz .
Als sich Polowzow nach angeregter Konversation mit Schweinitz undmir entfernt hatte, sagte mir der Botschafter: „Sie bringen für St. Peters-burg eine wertvolle Gabe mit. Sie sprechen sehr gut Französisch. Das ist derSchlüssel zum Herzen der Petersburger Upper ten thousand. Nun brauchenSie nur noch den leading ladies der St. Petersburger Gesellschaft den Hofzu machen, und Sie haben gewonnenes Spiel.“ Als ich erwiderte, daß ichhierzu aus verschiedenen Gründen wenig Lust verspürte, lächelte der welt-kundige General: „Desto besser. Sie kennen doch Goethe ? Gerade der, demwenig daran zu liegen scheint, ob er reizt, ,ob er rührt, der beleidigt, derverführt 4 .“
Einige Tage später fuhr ich nach Gatschina, dem nicht allzu weit vonSt. Petersburg entfernten, düsteren, aber vor nihilistischen Attentaten amleichtesten zu schützenden Lieblingsschloß des Kaisers Alexander III., ummich als deutscher Geschäftsträger dem Minister des Äußern, Herrn vonGiers, vorzustellen, der, wenn der Kaiserin Gatschina residierte, auch dortzu weilen pflegte. Nikolai Karlowitsch von Giers, damals vierundsechzigJahre alt, machte äußerlich einen kümmerlichen Eindruck. Vor der Zeitergraut, nachlässig angezogen, immer in gebeugter Haltung, besaß er nichtim entferntesten den Aplomb eines Schuwalow oder Orlow, eines Lobanowoder Ignatjew. Er hatte seine Laufbahn im Konsular dienst begonnen undwar dann Gesandter in Bern und Stockholm gewesen. Seine Feinde behaup-teten, er sei jüdischer Extraktion und heiße eigentlich Hirsch. In Wirk-lichkeit war sein Großvater, ein kleiner schwedischer Edelmann, ausSchweden über Finnland nach Rußland gekommen. Giers war in Rußland nicht populär. Er wußte das. „Meine Familie“, pflegte er zu sagen, „führtim Wappen einen kleinen Fisch, der gegen den Strom schwimmt. Das istauch mein Los.“ Bei aller Unscheinbarkeit war Giers der beste, weisesteMinister des Äußern, den das Zarenreich seit Nesselrode gehabt hat. DreiJahre später sagte mir einmal der Großfürst Wladimir in einem vertraulichenGespräch: „Wie alle Welt, habe auch ich früher auf Nikolai Karlowitsch
Fahrt nachGatschina