EINE HOTELRECHNUNG ALS BISMARCK-BRIEF
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manchem anderen österreichischen Diplomaten, als prononcierter Russen-freund. Der österreichisch-ungarische Minister des Äußern, Graf Gustav vonKälnoky, war nicht so brillant wie weiland Graf Gyula Andrässy. Immer-hin trug auch er Husarenuniform und gefiel dem Fürsten Bismarck besserals sein Vorgänger, der färb- und glanzlose, lederne Wiener BürokratHaymerle. Kälnoky war klein und hatte eine Stumpfnase. Meine Freundin,die Fürstin Elise Salm-Liechlenstein, meinte in ihrer drolligen Wiener Artvon ihm: „Der Gusti Kälnoky mit seinem Stumpfnäschen schaut aus wieein richtiges Stubenmadel.“ Kälnoky war ein geschulter Diplomat, erfahrenund vorsichtig. Er hielt sich an den alten Wahlspruch seiner Familie: „Nectimide, nec tumide.“ Innerlich ein schwarz-gelber Österreicher, begriff erdoch die Notwendigkeit, mit den verschiedenen Nationalitäten des habs-burgischen Reiches im Rahmen der Lebensnotwendigkeiten der Monarchieauszukommen. Seine Familie stammte aus Siebenbürgen, wo sie demSzekler Uradel angehörte, war aber in einigen Zweigen unter Maria Theresia nach Mähren gewandert. Das erleichterte es dem Minister, sich vor denDelegationen bald als Zisleithanier, bald als Transleithanier zu geben.Kälnoky war, bevor er Minister des Äußern wurde, österreichisch- ungari-scher Botschafter in Rußland gewesen und sah mit Recht in der Aufrecht-erhaltung friedlicher Beziehungen zwischen Österreich und Rußland eineLebensfrage für das Donaureich und für den Weltfrieden.
Nach herzlichem Abschied von Herbert Bismarck begab ich mich überWarschau auf meinen Posten zurück. In Warschau, wo ich mich zweiTage aufhielt, fand ich zwei liebenswürdige Führer: den deutschen General-konsul von Rechenberg und den russischen Rittmeister Graf Fersen.Rechenberg führte mich nach dem einstigen polnischen Königsschloß(Zamek Krolewski ) mit den historischen Reichstagssälen und nach demBrühlschen Palais. Am besten gefiel mir das auf einer Insel in einem künst-lichen See gelegene, von einem reizenden Park umgebene LustschloßLazienski. In Rechenberg lernte ich wieder einmal ein Original kennen.Julius Freiherr von Rechenberg gab sein Alter auf siebzig Jahre an. InWirklichkeit soll er damals schon über achtzig Jahre gezählt haben. Jeden-falls hatte er 1824 als Philhellene bei Missolunghi gefochten. Die Polen fürchteten Rechenberg, teils weil sie wußten, daß er sie und ihre Hinter-gedanken kannte, teils weil er, um einen größeren Nimbus um sich zu ver-breiten, ihnen erzählte, daß er in direkter und reger Korrespondenz mit demFürsten Bismarck stünde. Als er einmal im Warschauer Klub aus einemangeblichen Brief des großen Kanzlers einige hochinteressante Stellen vor-las, sah ein neugieriger Pole ihm über die Schulter und konstatierte, daßRechenberg in Wirklichkeit nicht einen Brief des Fürsten Bismarck vorsich hatte, sondern eine Hotelrechnung. Was er der staunenden Korona