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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER POLONISMUS

als Weisheit des Fürsten Bismarck vortrug, war von ihm, nicht ohne Geist,improvisiert worden. Das Ergebnis der langjährigen Erfahrungen Rechen-bergs, über die er sich mir gegenüber ausführlich verbreitete, war in folgendeLeitsätze zusammenzufassen:

1. Die Polen haben innerlich keine einzige ihrer Prätentionen aufge-geben, Thom und Kulm ebensowenig wie Posen und Gnesen, Oberschlesien so wenig wie das Ermelland.

2. Jede Konzession an die Polen erhöht nur ihre Begehrlichkeit.

3. Keine Politik der Nadelstiche, namentlich nicht in Schulfragen, abereine energische Bodenpolitik.

4. Vor allem Konsequenz, kein Zickzack-Kurs.

Ich habe, als ich mich als preußischer Ministerpräsident mit den Pro-blemen der Ostmarkenpolitik befaßte, mich dieser Richtlinien manchmalerinnert.

Graf Fersen stand damals bei den in Warschau garnisonierenden Garde-Graf Fersen ulanen. Sein Vater war Balte, seine Mutter Preußin, eine Tochter des lang-jährigen preußischen Militärbevollmächtigten am russischen Hof, desGenerals von Rauch. Ein durchaus loyaler russischer Offizier und gleich-zeitig behebt in der polnischen Gesellschaft, beurteilte Graf Nikolaus Fersendie Polen ebenso wie Rechenberg.Polen ist ein starkes Bindeglied zwi-schen Preußen und Russen, meinte er.Natürlich nur, solange in Berlin und St. Petersburg eine vernünftige Politik gemacht wird. Preußen undRußland sind dem Polonismus gegenüber ebenso solidarisch wie gegenüberder Revolution. Wenn wir Russen, Deutsche und Österreicher uns in dieHaare geraten, wird der Pole der Tertius gaudens sein.

Auf der Weiterreise von Warschau nach St. Petersburg begegnete ichGraf Dmitri auf dem Bahnhof dem russischen Minister des Innern, dem Grafen DmitriTolstoi Alexandrowitsch Tolstoi. Damals sechzig Jahre alt, war er schonzwanzig Jahre vorher Oberprokurator des Heiligen Synods gewesen. Durchstrenge Überwachung der Universitäten hatte er sich sehr verhaßt gemacht,vielleicht noch mehr durch seine leidenschaftliche Bevorzugung des Stu-diums der klassischen Sprachen. Ein Jahr vor der Ermordung des KaisersAlexander II. war Graf Tolstoi während der liberalen Ara Loris Melikow inden Ruhestand versetzt worden. Alexander III. stellte ihn ein Jahr später,1882, an die Spitze des Ministeriums des Innern, das er drei Jahre lang mitfester Hand leitete. Graf Dmitri Tolstoi , dem mich Herr von Giers inSkierniewice vorgestellt hatte, forderte mich höflich auf, in dem für ihnreservierten Coupe Platz zu nehmen. Er lenkte selbst die Unterredung aufdie bitteren Angriffe, denen er wegen seiner Vorliebe für Homer und Virgil ,