MINISTER UND NIHILISTIN
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Horaz und Thukydides ausgesetzt gewesen sei. Er hoffe, daß in dem ge-lehrten Deutschland für seine Ideale auf dem Gebiete des Unterrichts-wesens mehr Verständnis vorhanden sein werde als in Rußland . Als ichmich als überzeugter Anhänger des humanistischen Gymnasiums bekannte,was ich übrigens wirklich war und heute noch bin, war das Eis gebrochen.Graf Tolstoi kam bald spontan auf die innere russische Lage. Er erzähltemir nicht ohne Humor, daß er einige Wochen früher eine geistig hoch-stehende Nihilistin, Fräulein Vera Figner , die Tochter eines Generals, imKerker besucht habe. Als rührige und tapfere Agentin des nihilistischenExekutivkomitees sei diese Dame direkt oder indirekt an vielen Atten-taten beteiligt gewesen. Er habe während zwei Stunden mit ihr diskutiert.„Vous savez, nous autres Russes nous adorons bavarder.“ Als er FräuleinFigner verließ, habe er ihr gesagt: „Ich bedaure, Vera Petrowna, Siejetzt verlassen zu müssen. Wenn ich noch zwei Stunden bleiben könnte,würde ich Sie zu staatstreuen Ideen bekehren.“ Sie habe ihm schlagfertigerwidert: „Und ich bedaure erst recht Ihr Fortgehen, Dmitri Alexandro-witsch. Denn wenn Sie mir noch zwei Stunden gewidmet hätten, würde ichSie für meine Ideale gewonnen haben.“
Der Minister schloß an diese pikante Erzählung eine in ihrer Weise klugeund jedenfalls durchdachte Auseinandersetzung über russische Zustände.Er bestritt nicht, daß in Rußland die reine Autokratie auf die Länge kaumhaltbar wäre. Aber der westeuropäische Parlamentarismus eigne sich nochweniger für Rußland . Das russische Volk würde mit einem solchen ebenso-wenig umzugehen wissen wie ein großer und täppischer Bauer mit einemzierlichen Kinderspielzeug. Graf Tolstoi sagte mir, und ich habe viele Jahrespäter, nach dem Ausbruch der russischen Revolution, bisweilen darangedacht: „Jeder Versuch, westeuropäische, parlamentarische Regierungs-formen in Rußland einzuführen, wird scheitern. Wenn das zaristischeSystem, das trotz seiner Mängel und Schwächen, die ich zugebe, seit Jahr-hunderten Rußland zusammenhält, gestürzt werden sollte, wird derKommunismus an seine Stelle treten, der nackte, blanke Kommunismus,le communisme pur et simple, le communisme de Mr. Karl Marx ä Londres,qui vient de mourir et dont j’ai etudie attentivement et avec interet lestheories.“ Der Minister fuhr fort: „Sie fragen immer wieder, ob ich wirklichglaube, daß die jetzige russische Regierungsweise, deren Mängel klarzutage liegen, sich dauernd aufrechterhalten lassen würde. Nein! Gewißnicht! Aber außer einem utopischen und für Rußland ganz ungeeignetenParlamentarismus und einem alles zerstörenden und verwüstendenKommunismus gibt es noch ein Drittes: der Ausbau der Semstwos . Siefungieren seit zwanzig Jahren als Kreis- und Landesvertretungen in denaltrussischen Gouvernements. Die Mitglieder dieser Land- und Kreistage
Zarismus undParlamenta-rismus