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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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HÖDUR

der Debatte mit seinen Gegnern abrechnet, gebt er auf die Ausführungendes Provinz-Mirabeau überhaupt nicht ein, da sie zu unbeträchtlich seien.Als dies im Heimatsnest bekannt wird, entsteht allgemeine und großeErregung:Was! Unser Abgeordneter wird vom großen Bismarck nichteinmal einer Antwort gewürdigt? Was muß der für ein Schaf sein! DennBismarck weiß schließlich doch alles am besten! Die Dummheit desHödur, des Wählers, der sich immer wieder von dem listigen Loki mit derHornbrille auf der Nase und dem Zettelkasten auf dem Schreibtisch ver-führen läßt, ist selten amüsanter persifliert worden. Und einer der feinstenGeister dieser Zeit, der Verfasser derSperlingsgasse und desHunger-pastor, Wilhelm Raabe , schrieb:Deutsches Volk? Ach was! Deutschredender oder schwätzender Bevölkerungsbrei, für einen kurzen Augenblickvon ein paar großen Männern in eine staatliche Form gepreßt! Morgenvielleicht sind sie tot, diese Männer, und der Brei fließt wieder auseinander,

. und die Fremden mögen dreist wieder von allen Seiten mit ihren Löffelnvorrücken, zur Wiederaufrichtung und Herstellung der hergebrachtenFreiheiten teutscher Nation. Eine ungerechte Kritik, soweit es sich um diebreite Masse des deutschen Volkes handelt, um Bauern und Arbeiter, um dasfleißig schaffende Bürgertum. Aber eine leider nur zu berechtigte Klageüber viele deutsche Intellektuelle, denen wie die leidenschaftliche Vater-landsliebe der Romanen so auch der unerschütterliche Nationalstolz undder praktische Sinn der Amerikaner und Engländer versagt ist und dieimmer wieder in Eigenbrötelei, blinden Doktrinarismus und Starrköpfigkeitverfallen.

Am Abend des 31. März 1885 fand ein Fackelzug statt, der durch dieFackelzug Wilhelmstraße am Reichskanzlerpalais vorbeimarschierte. Bismarck standam Fenster einer im ersten Stock des linken Flügels des Reichskanzler-palais gelegenen Eckstube. Damit die Vorüberziehenden ihn gut sehenkönnten, hielt der starke Herbert während des ganzen Vorbeimarsches eineLampe über dem gewaltigen Haupt seines Vaters. Aus den Augen dervorübermarschierenden Fackelträger leuchtete Freude, leuchtete Be-geisterung. Der Ausdruck der Züge, der Augen, des Antlitzes des FürstenBismarck läßt sich nicht schildern. Den Eindruck, den dieses Antlitz amAbend des 31. März 1885 auf mich machte, habe ich nur wiederempfunden,wenn ich vor dem Hamburger Denkmal Bismarcks stand, das Hugo Lederer geformt hat.

Am Vormittag des 1. April 1885 empfing der Fürst im großen Saal desGratulation Reichskanzlerpalais die Gratulanten. In demselben Saal, in dem siebenim Reichs- Jahre früher der Berliner Kongreß getagt hatte und in dem dreißig Jahrekanzlerpalais 8 p ätcr Bethmann einer polnischen Deputation in unseliger Verblendungdie Wiederherstellung eines polnischen Reichs in Aussicht stellen sollte.