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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER UNWAHRSCHEINLICHE KONSENS

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seine Freundschaft für mich und der Wunsch, mir diese Freundschaft zubeweisen; auf der andern Seite der psychologisch begreifliche Gedanke,daß mir ein Glück zuteil werden sollte, das ihm versagt geblieben war, dasGlück, die geliebte Frau als Lebensgefährtin heimzuführen und ihr einneues Leben aufzubauen. Er hatte die Fürstin Elisabeth Carolath leiden-schaftlich geliebt. Er liebte sie noch und hat, wie ich glaube, nie aufgehört,sie zu lieben. Er ist auch nie das Gefühl losgeworden, daß er gegenüberdieser großen Liebe seines Lebens versagt habe, daß sein Verhalten indieser Lebenskrise weder klug noch ganz korrekt gewesen war. Durch dieErinnerungen des Fürsten Philipp Eulenburg ist später über diesen Romaneine Reihe von Einzelheiten bekanntgeworden, um die damals nur ein engerKreis wußte. Nach langem Schweigen sagte Herbert endlich zu mir:Ichkenne die Gräfin Marie Dönhoff. Sie ist eine begabte, eine herzensgute, eineungewöhnlich reizende Dame. Aber sie ist Ausländerin, und wir wollen undsollen an dem Grundsatz festhalten, daß unsere Diplomaten keine Aus-länderinnen heiraten dürfen. Sie ist überdies Katholikin. Sie ist von ihremersten Mann geschieden, und dieser Mann gehört unserm diplomatischenDienste an. Sie ist die Freundin der Kronprinzessin, der Mimi Schleinitz,der Cosima Wagner , der Frau von Helmholtz und anderer, meinem Vaterfeindlich gesinnter Weiber. Ich glaube nicht, daß mein Vater zu dieser Eheseinen Konsens geben wird. Ich kann ihm auch nicht dazu raten, ich werdeihm sogar mit aller Entschiedenheit davon abraten.

Wenn ich an jene Unterredung mit meinem lieben Altersgenossen undFreund Herbert Rismarck zurückdenke, so erkenne ich vor allem, wiewenig der Mensch imstande ist, vorauszusehen, wie sich die Zukunft gestaltenund wie er selbst in kommenden Zeiten handeln wird. Herbert hat späterdie Komteß Marguerite Hoyos geheiratet, deren Vater halb Österreicher,halb Ungar und deren Mutter eine Stockengländerin war. Sein ältester Sohnhat eine Ausländerin, die Schwedin Ann-Marie Tengbom geheiratet. Daskonnte ich freilich an jenem Abend bei Borchardt nicht wissen. Wohl abersagte ich Herbert, daß die freundschaftlichen Beziehungen der GräfinMarie zur Kronprinzessin, zu Cosima Wagner , zu Frau von Helmholtz, zurGräfin Schleinitz auf rein künstlerischer Grundlage beruhten und mitPolitik gar nichts zu tun hätten. An ihrer ausländischen Herkunft Anstoßzu nehmen, scheine mir gerade bei ihr kleinlich, die in Bildung undGesinnung ganz deutsch geworden sei. Was ihre katholische Konfessionangehe, so sei ich selbst evangelischer Christ, aber ohne Vorurteile undohne Unduldsamkeit. Wenn der Umstand, daß Graf Karl Dönhoff demdiplomatischen Dienst angehöre, in den Augen meiner Vorgesetzten einGrund sei, mir den Heiratskonsens zu verweigern, so verließe ich denDienst. Ich schloß die Diskussion, indem ich mit Ruhe, aber bestimmt, zu

Herbert

Bismarcks

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