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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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MEGALOPSYCHIA

Herbert sagte:Cest ä prendre ou ä laisser. Wenn mir der Konsens für dieHeirat verweigert wird, von der nicht nur mein Lebensglück abbängt,sondern auch das Glück der Frau, die ich liebe, so gehe ich. leb kann auchals Privatmann leben und sehr zufrieden leben. An der Seite der Frau, dieich liebe, und mit einigen guten Büchern halte ich es überall aus. Ichmöchte schon hier erwähnen, daß Graf Karl Dönhoff nach meiner Ver-heiratung noch lange unserer Karriere angehört und auf seinem Dresdener Posten weiter gute Dienste geleistet hat. Als er, nicht lange vor seinem Tode,aus Gesundheitsrücksichten mit dreiundsiebzig Jahren um seinen Abschiedbat und diesen in einer für ihn sehr schmeichelhaften Form erhielt, schrieber mir, es sei für ihn bei seinem RücktrittEhrenpflicht, mir für dasWohlwollen zu danken, das ich ihm mit ebensoviel Güte wie Takt als seinVorgesetzter während zehn Jahren bewiesen hätte. Im Leben wie in derPolitik lassen sich auch schwierige Situationen meistern: mit Klugheit undmit jener Eigenschaft, welche die alten Griechen MeyaXorpvxla nanntenGroßzügigkeit.

Der Sommer 1885 verlief politisch ruhig. In der innem russischen Politiktriumphierte auf allen Gebieten die Reaktion. Der katholische Bischof vonWilna wurde in die Verbannung nach Jaroslaw an der Wolga geschickt, weiler unter Umgehung des vorgeschriebenen Weges eine direkte Korrespondenzmit Rom geführt hatte. Der von ihm nach seinerVerschickung zumVerwalter seiner Diözese eingesetzte Domherr wurde aus einem ähnlichenGrunde nach Koly am Eismeer deportiert. Ich war befreundet mit demFürsten Kantakuzen, dem Vorsitzenden des Departements für die fremdenKulte. Er war ein gebildeter und liebenswürdiger Mann und mit einercharmanten Französin verheiratet. Wenn ich ihn in seiner Amtswohnungaufsuchte, wartete in seinem Vorzimmer immer eine Anzahl katholischerGeistlicher, die ad audiendum verbum befohlen waren und zitternd seinesUrteilsspruches harrten. Den evangelischen Pastoren in den baltischenProvinzen ging es nicht viel besser.

Im Gegensatz zu so üblen und traurigen inneren Verhältnissen stand dieZwei Kaiser auswärtige russische Politik unter dem günstigen Einfluß der Begegnungm Kremsier von Skierniewice und der dort zwischen den drei Kaisermächten getroffenenAbmachungen. Ende August 1885 fand in Kremsier, der mährischenBezirksstadt, wo vom November 1848 bis zum März 1849 der erste öster-reichische Reichstag getagt hatte, eine Begegnung der Kaiser von Österreichund Rußland statt, die von ihren Ministern Kälnoky und Giers begleitetwaren. Die Entrevue verlief gut. Die Kritik der ungarischen Presse, diein dieser Zusammenkunft eine Stärkung der Slawen innerhalb der habs-burgischen Monarchie und damit eine Gefahr für den Dualismus und diemagyarische Rasse sehen wollte, blieb mit Recht unbeachtet. Anfang