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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN BRIEF DER IDEALISTIN

Aufbietung seiner letzten Kräfte im Rathaussaal seine wie immer form-vollendete und gedankenreiche Rede beendigt hatte, sagte er zu seiner Frau:Nun kann ich ruhig sterben. Turin und ich, wir haben uns wiedergefunden.

Der Besuch seiner geliebten Stieftochter war ihm eine große Freude. ErLetzte Unter - sagte mir, daß er ruhig sterbe, da er glaube, daß ich sie glücklich machenredung mit -würde. Daß er dieses Zutrauen zu mir hatte, bedeutet für mich auch in derMinghetti jr r | nncrun g m ehr, als wenn er mir eine politische Zukunft prophezeit hätte.

Davon war keine Rede. Minghetti hatte seine Zustimmung zu unsererHeirat gegeben, nicht weil er glaubte, seine Stieftochter komme in die großeKarriere. In der letzten Unterredung, die ich mit ihm hatte, sagte er zu mir:Das Glück des Lebens hängt nicht von der äußeren Stellung ab. Ich denkemir, daß Sie vom Botschaftsrat in Petersburg etwa Generalkonsul in War-schau werden könnten, dann vielleicht diplomatischer Agent in Ägypten und mit der Zeit Gesandter in Athen . Das wäre ein hübscher Abschluß.Auch meine Frau hat nicht erwartet, daß ich das machen würde, was mangemeinhin eine Karriere nennt. Bald nach unserer Heirat erhielt sie einenBrief von ihrer und später auch meiner verehrten und teuren FreundinMalvida von Meysenbug , in dem es hieß:Sie schreiben mir, daß SieIhren Mann leidenschaftlich liebten, obschon Sie wohl wüßten, daß er nichtbesonders begabt wäre. Ich glaube, daß Sie ihn geistig unterschätzen. Fran-zosen, denen ich im vergangenen Herbst in Paris bei meiner PflegetochterOlga und deren Mann, dem Historiker Gabriel Monod, dem Professor amCollege de France und Direktor der Ecole des Hautes fitudes, begegnete,sprachen mir mit großer Anerkennung von Bülow und erzählten mir, daßGambetta ihm eine bedeutende Zukunft prophezeit hätte. Meine Frauzeigte mir mit der Harmlosigkeit, die eine ihrer vielen guten Eigenschaftenist, diesen Brief und meinte dazu: sie bliebe dabei, daß es vor allem daraufankomme, daß wir uns von Herzen liebhätten. Im Grunde hatte sie daringewiß recht.

Am 10. Dezember 1886 starb Mingbetti. Er empfing vor seinem TodeMinghettis den Besuch des Königs Humbert und der Königin Margherita. Als sie ein-T°d traten, nahm der Sterbende das schwarze Käppchen ab, das er auf demKopfe trug, und rief mit leiser Stimme:Viva la casa di Savoia! Dannempfing er als gläubiger Katholik mit großer Andacht die heiligen Sterbe-sakramente, und seine reine und edle Seele ging hinüber, dorthin, wohin ihmder heilige Franziskus, Dante und Thomas a Kempis den Weg gewiesenhatten. In Italien sind ihm zwei schöne Denkmäler errichtet worden: inRom vor dem Palazzo Braschi und in Bologna vor der Universität.

In Rom gab mir mein früherer Chef, Herr von Keudell, ein Diner, beidem sich ein komischer Zwischenfall ereignete. Nachdem Keudell, der, wieich schon früher einmal angedeutet habe, kein Cicero war, mich und meine