KEUDELLS BESORGNIS
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Frau in einem kleinen Toast stotternd begrüßt hatte, erhob sich dergleichfalls anwesende und für seine Einfalt berühmte österreichische Bot-schafter Graf Ludolf und sprach mit schwungvollen Worten die Hoffnungaus, daß ein so reizendes Paar wie Herr und Frau von Bülow recht bald alsdeutscher Botschafter und deutsche Botschafterin in den Palazzo Caffarellieinziehen würden. Allgemeine Stille, große Verlegenheit. Keudell erbleichte,und die Konversation kam nur langsam wieder in Gang. Nach Aufhebungder Tafel nahm er mich beiseite. „Ich war Ihr Chef, Ihr, wie ich mirschmeichle, wohlwollender Chef. Sagen Sie mir ehrlich! Hat der große OttoIhnen meinen römischen Posten versprochen?“ Ich konnte Keudell mitgutem Gewissen mein Wort darauf geben, daß mir Fürst Bismarck weder dierömische Botschaft noch überhaupt eine Botschaft in Aussicht gestellthabe. Ich dächte auch gar nicht daran, jetzt schon eine Botschaft anzu-streben. Ich sei erst sechsunddreißig Jahre alt, vor fünfzig Jahren pflegeman nicht Botschafter zu werden. Nach und nach beruhigte sich der guteKeudell. Schließlich bin ich acht Jahre später als Botschafterin den PalazzoCaffarelli eingezogen. Fata viam inveniunt.
Von Rom fuhren wir nach bewegtem Abschied von Minghetti und meinerbeben Schwiegermutter nach Berlin . Wir saßen schon am ersten Tage imReichskanzlerpalais. Meine Frau mußte rechts vom Fürsten sitzen. Der„große Wauwau“, wie ihn junge unehrerbietige Attaches nannten, war dieLiebenswürdigkeit selbst für seine Nachbarin. Ich bin wenigen älterenMännern begegnet, die mit Damen so aufmerksam und so liebenswürdigsein konnten wie Fürst Bismarck . Darin glich er seinem ritterlichen Herrn,Kaiser Wilhelm I. Mir empfahl der Fürst, mich in St. Petersburg „auchfernerhin so nützlich zu machen wie bisher“. Am nächsten Tage wurdemeine Frau von der Kaiserin Augusta empfangen, neben der ihre Tochter,die Großherzogin Luise von Baden, saß. Beide waren für meine Frau nichtnur voll Güte, sondern sie gaben ihr aus der Fülle ihrer Lebenserfahrung undLebensweisheit vortreffliche Ratschläge für die sie in St. Petersburg erwar-tenden Aufgaben. Die Kaiserin Augusta und ihre Tochter waren wahre undechte Vertreterinnen des „Geistes von Weimar“. Während der Audienzmeiner Frau bei der Kaiserin trat der Kaiser ein. „Ich muß mir doch diereizende Frau ansehen“, sagte er lächelnd zur Kaiserin, „die einem meinerbesten Diplomaten den Kopf verdreht hat.“ Er nahm dann Platz und erkun-digte sich bei meiner Frau nach einer Anzahl schöner Italienerinnen, denener in seiner Jugend begegnet war und für die er noch schwärmte. Ach, siewaren, soweit sie noch lebten, inzwischen siebzig und achtzig Jahre altgeworden.
Wir aßen en famille beim Kronprinzen und der Kronprinzessin, diemeine Frau wie eine Tochter empfingen. Die Kronprinzessin sprach, ihrer
Beim Kron-prinzenpaar
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