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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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HÄUSLICHKEIT

englischen Erziehung und Einstellung entsprechend, mit Abscheu von derrussischen Regierungsweise, von Autokratie und Orthodoxie, aber mit leb-hafter Sympathie von der Großfürstin Elisabeth Feodorowna, ihrer hes-sischen Nichte, der zweiten Tochter der Großherzogin Alice von Hessen .Wer hätte damals geahnt, daß diese märchenhaft schöne junge Frau erst dieErmordung ihres Gatten, des Großfürsten Sergius Alexandrowitsch , erlebenund dann selbst, in einen tiefen Schacht gestürzt, zerschmettert und halbtotauf dem Grunde angelangt, unter ihr nachgeschüttetem ungelöschtem Kalkerstickt werden würde! Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe! Dergütige Kronprinz stattete meiner Frau im Hotel Continental, wo wirabgestiegen waren, persönlich einen Besuch ab und unterhielt sich mit ihrlange und sehr verständig über russische Zustände und unser Verhältniszu unserem östlichen Nachbarn. Prinz und Prinzessin Wilhelm, die unsnach unserer Trauung in Wien telegraphisch sehr herzlich beglückwünschthatten, luden uns in Berlin zu Tische. Beide schwärmten für meine Frau,der sie oft im Neuen Palais begegnet waren, wenn diese dort zum Besuchbei den Kronprinzlichen Herrschaften weilte. Wir sahen viele unserer altenBerliner Freunde, den Fürsten und die Fürstin Otto Stolberg, den bay-rischen Gesandten Hugo Lerchenfeld, meine lieben KriegskameradenFranz Arenberg und Bodo Knesebeck. Am meisten aber beglückte es mich,daß meine Mutter meine Frau nicht nur mit herzlicher Liebe in ihre Armeschloß, sondern sie mit jedem Tage liebergewann und mit voller Überzeu-gung zu mir sagte:Sie ist die Frau, die zu dir paßt. Mit Gottes Hilfe undunter Gottes Segen wirst du sehr glücklich mit ihr werden.

Nach zehntägigem Aufenthalt in Berlin traten wir die Weiterreise nachAnkunft in St. Petersburg an. Seit ich verheiratet, und glücklich verheiratet, war,Petersburg gah i c ü Petersburg mit anderen Augen an als zehn Jahre früher, wo ich,leichten, törichten Sinnes voll, zum erstenmal dort gelandet war. Ich über-zeugte mich bald davon, daß die Erfüllung meiner dienstlichen Pflichtenmir durch meine Frau nur erleichtert wurde. Und nicht nur weil sie mir dieHäuslichkeit schuf, in der sich entfalten konnte, was an Leistungsfähigkeitetwa in mir steckte. Ich knüpfte durch sie auch Beziehungen zu Familienund Kreisen an, denen ich vorher nicht nähergetreten war. Die Oberhof-Fürstin meisterin der Kaiserin, die Fürstin Helene Kotschubey, die MutterKotschubey von Marie Durnow, hatte ich bisher nur oberflächlich gekannt. Als lang-jährige Freundin meiner Schwiegermutter suchte sie meine Frau auf, sobaldsie von ihrer Ankunft gehört hatte. Die alte Fürstin fuhr zurVorstellungbeiderKaiserin Maria Feodorowna selbst mit meiner Frau nach Gatschina, wozusie sich sonst nur entschloß, wenn es sich um Botschafterinnen handelte.Die Fürstin Helene Kotschubey war eine der letzten ganz großen Damen,die es in Europa gegeben hat. Eine Bibikow, aus einem der ältesten