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Moskauer Bojarengeschlechter, hatte sie in ihrer ersten Ehe einen FürstenBeloselsky geheiratet, in der zweiten Ehe den Fürsten Kotschubey. Sie wardie verkörperte Etikette, sie war voll Vorurteile, aber sie war ein Originalund ein Charakter. Ihr Schwiegersohn, der General Durnow, der Mann vonMissy, war Präsident des Slawophilen Wohltätigkeitskomitees und alssolcher natürlich ein enragierter Panslawist. Als einmal bei einem Dinerein lebhafter Streit über bulgarische Vorgänge entstand, meinte die FürstinHelene schließlich: „Je ne comprends pas, comment on peut tant s’occuperdes Bulgares, qui sont des gens si peu comme il faut.“ Meine Frau gefielihr gut. Am besten gefiel ihr deren politische Harmlosigkeit. Als mich imWinter 1886/87 meine Frau einmal frug, wer eigentlich die zwei Generäleseien, von denen so viel gesprochen würde, Boulanger und Kaulbars,machte ich mir den unpassenden Scherz, ihr zu sagen, Boulanger sei einnach Bulgarien entsandter russischer General und Kaulbars französischerKriegsminister. Jeder politisch Unterrichtete wußte, daß umgekehrt Bou-langer französischer Kriegsminister und Kaulbars russischer General unddiplomatischer Vertreter in Sofia war. In ihrer Unschuld frug meine Frauwährend einer Soiree bei der Fürstin Helene, wie es eigentlich komme, daßder russische Vertreter in Bulgarien einen französischen Namen führe undder französische Kriegsminister einen deutschen. Alle Welt lachte. Nur dieFürstin Kotschubey meinte: „Je vous ai dit que cette petite femme etaitde-li-cieuse. Elle a mille fois raison de ne pas s’occuper de politique.“ Dergleichen Ansicht war übrigens auch Fürst Bismarck . Als ich ihm ein Jahrspäter diese Äußerung der Fürstin Kotschubey wiedererzählte, meinte er:
„Ich gratuliere Ihnen, daß Ihre Frau politisch so ahnungslos ist. Destobesser für sie selbst und für Sie. Die Frauen haben Musik und Theater undalle Dichter, sie haben sogar die Küche. Von der Politik sollen sie die Fingerlassen.“ Die Fürstin Helene war in ihrer Jugend hübsch gewesen. Sie sollnamentlich in ihren zweiten Gatten sehr verliebt gewesen sein. Originell undecht russisch war folgender Zug an ihr. Da sie eine abergläubische Angstvor Einbrechern und vor bösen Geistern hatte, so ließ sie nachts immer einenHausknecht sich auf der Schwelle ihres Schlafzimmers ausstrecken, völliggleichgültig dagegen, daß dieser so der unfreiwillige Zeuge ihrer ehelichenFreuden wurde. Der Dwornik störte sie so wenig, wie sie ein treuer Sankt -Bernhard-Hund geniert haben würde.
Ich möchte jedem jüngeren Deutschen, der als Diplomat ins Ausland Die anderengeschickt wird, nochmals empfehlen, freundliche Beziehungen mit seinen MissionenKollegen von anderen Missionen zu unterhalten. Er wird auf diese Weise dieNachrichten, die er von Inländern erhält, kontrollieren und auf ihre Richtig-keit prüfen können. Er wird auch Gelegenheit haben, Neues zu hören. Vorallem aber wird er Beziehungen anknüpfen können, die ihm für seine weitere