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diplomatische Laufbahn von Nutzen sein werden. Die Diplomaten allerLänder bilden in gewisser Hinsicht eine große Koterie, wo einer den andernkennt und jedenfalls vom andern gehört hat. Am liebsten habe ich, wie ichbei Besprechung meiner Tätigkeit in Athen gelegentlich erwähnte, immermit meinen englischen Kollegen verkehrt. Ich erinnere mich gern an Dering,Herbert, Harding, Grosvenor, Welby, Townley, Rodd, Wyndham, Lascelles,Browne, Vansittart und manche andere. Als ich 1875 zum erstenmal nachSt. Petersburg kam, war Sir Edward Thornton dort englischer Botschafter.Sehr verschieden von diesem biederen Schotten war der englische Bot-Robert schafter, den ich 1884 an der Newa antraf, Sir Robert Morier. BismarckMorier so j] e i nma l gesagt haben, dem Russen sei nur zu trauen, wenn er dasHemd über der Hose trage, und dem Engländer, wenn er kein Französischspreche. Morier sprach nicht nur Französisch, sondern er war der Sohn einesaus Neufchätel nach England eingewanderten Hauslehrers. Intelligent,kenntnisreich und insinuant, hatte Sir Robert schon in jungen Jahren dieAufmerksamkeit des Prinzen Albert von Koburg auf sich gezogen. Wie alleFreunde des Prince Consort, wurde auch er nach dessen Tode von derKönigin Victoria protegiert. Als Gesandter an kleineren deutschen Höfen,in Koburg, Darmstadt und schließlich in München, war er in alle Schwächenund Narrheiten des deutschen Partikularismus eingedrungen. Er war einerder wenigen Engländer, die schon vor Sedan, schon lange vor der Zeit, wodie deutschen Fortschritte in Industrie und Handel die englische Eifersuchtzu erwecken begannen, lange vor dem Bau unserer Flotte die Ansicht ver-traten, daß ein schwaches und als solches bescheidenes Deutschland demenglischen Interesse am besten entspräche. Immerhin wäre wohl auch mitMorier auszukommen gewesen, wenn er nicht durch das Ungestüm vonHerbert Bismarck tödlich gekränkt worden wäre. Mein alter KriegskameradDeines hatte als Militärattache in Madrid die Bekanntschaft von Bazaine gemacht, der dort nach der Flucht aus seiner Haft auf der Insel Sainte-Marguerite im tiefsten Elend lebte. Der Ex-Marschall erzählte Deines, er seiwährend des Deutsch- Französischen Krieges als Oberbefehlshaber derMetzer Armee von Morier, dem damaligen englischen Gesandten in Darm-stadt, über deutsche Verhältnisse und insbesondere über deutsche mili-tärische Vorgänge auf dem laufenden gehalten worden. Im August 1870habe er von Morier die erste Nachricht von dem Vormarsch der deutschenHeere über die Mosel erhalten. War dem wirklich so? Hatte Morier wirklicheine so häßliche Rolle gespielt? Oder batte Bazaine gelogen? Jedenfallshätte Herbert besser getan, die fragliche Insinuation nicht in die Presse zubringen. Beweise für die Anklage hatten wir nicht. Bazaine galt der Weltnicht als einwandfreier Zeuge. Die englische Presse trat nach englischer Artund mit englischem Patriotismus einstimmig und leidenschaftlich für die