HINZPETER WIRD EMPFOHLEN
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Unschuld ihres Landsmannes Morier ein, der seitdem unser ausgesprochenerGegner wurde und alles tat, um uns hei den Russen zu schaden und sie gegenuns mißtrauisch zu machen. Er war einer der ersten ernst zu nehmenden undgefährlichen Vorläufer jener englischen Richtung, die weder in Rußland noch in Frankreich , sondern nur in dem wirtschaftlich und politisch immermehr erstarkenden Deutschland den gefährlichen Nebenbuhler und somitGegner des britischen Weltreichs erblickte und bekämpfte. Beim Prinzenvon Wales war Morier sehr gut angeschrieben. Leider genoß er auch dasVertrauen der Kronprinzessin Viktoria. Als es sich darum handelte, einenErzieher für den Prinzen Wilhelm, den künftigen König und Kaiser, zufinden, holte die Kronprinzessin den Rat von Morier ein, und dieserempfahl Hinzpeter, der damals Erzieher im Hause des Grafen Görtz aufSchloß Schlitz in Oberhessen war.
Ganz anders als Sir Robert Morier war der italienische BotschafterGreppi, ein liebenswürdiger Weltmann, ein vollkommener Galantuomo, Greppifreilich kein Cavour, auch kein Talleyrand. Er sollte aber alle seine Alters-genossen überleben und, nachdem er nach vielen anderen Kriegen auch denWeltkrieg gesehen hatte, mit 103 Jahren aus dieser Welt scheiden.
Wichtiger als die diplomatischen Kollegen und als die PetersburgerSalons waren für mich Giers und seine Mitarbeiter. Adjoint im Ministeriumdes Äußern (eine Stellung, die der des Unterstaatssekretärs im BerlinerAuswärtigen Amt entsprach) war Vlangaly. Er war von Geburt Grieche,wie Zographos, Katakazy, Basily, Persiany und manche andere russischeDiplomaten. Sehr verschieden von dem feinen, liebenswürdigen, bis zurÄngstlichkeit vorsichtigen Vlangaly war der Chef des Asiatischen Departe-ments, der Geheime Rat Sinowjew. Ein Urrusse,in seinen Formen und seinerSprache nicht immer gewählt, aber ein Mann mit gesundem Menschen-verstand. Er hat mir mehr als einmal gesagt: „Unser Unglück sind dieBalkanvölker. Wir vergießen für sie unser Blut, ohne reale Vorteile einzu-heimsen. Wir vergeuden für sie unser Geld, für das wir viel nützlichere Ver-wendung im Innern Rußlands hätten, wo es noch so viel zu verbessern undneu zu schaffen gibt. Gott gebe, daß die Brüderchen, die Bratuschkas, wiesie unser naives Volk nennt, uns nicht noch einmal in einen ganz bösenKrieg hineinziehen.“
Der nächste Vertraute von Giers war Graf Wladimir Nikolaje witschLambsdorff. Er war derjenige Beamte, den Giers zuerst in den Rück- GrafVersicherungsvertrag eingeweiht hatte. Lambsdorff hat sich erst viel später Lambsdorffin unsern Gegner verwandelt, als ihn, wie ich seinerzeit erzählt habe,
Kaiser Wilhelm II. unter dem schlechten Einfluß des Fürsten Max Fürsten-berg durch taktlose und unfreundliche Behandlung tief gekränkt hatte. Alsehrgeiziger, etwas vordringlicher Legationssekretär arbeitete auf dem