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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN AUFSTIEG

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Liebhabereien immer Geld zu verschaffen wußte. Er hielt sich gern in un-mittelbarer Nähe seines Kurfürsten, ohne je ein Wort zu sagen. Nur wennder Kurfürst, der beständig Tabak rauchte, aus der Rauchw r olke an ihn dieFrage richtete:Brühl , habe ich Geld?, antwortete der Günstling regel-mäßig:Ja, Sire! Der Aufwand, den Brühl trieb, stand auf der Höhe derPrachtliebe seines Souveräns. Als der Große Friedrich in Dresden einrückte,fand er im Brühlschen Palais achthundert Schlafröcke, fünfzehnhundertPerücken und zweitausend Paar Schuhe. Graf Heinrich Brühl hatte dreißigKöche und zweihundert Bediente. Unter letzteren schätzte er besonderseinen Sachsen namens Haucke. In Warschau, wohin Brühl seinem Souveränfolgte, als sich dieser 1783 die polnische Königskrone aufsetzte, vermählte sichder treue Haucke mit der Tochter eines ehrsamen deutschen Zuckerbäckers.Den Sohn aus dieser Ehe brachte der gnädige Graf Brühl im polnischenKadettenkorps unter, aus dem er in das bis 1830 selbständige polnischeHeer übertrat, wo er es bis zum General brachte. Als 1830 der große pol-nische Aufstand ausbrach, ging die Mehrzahl der polnischen höherenOffiziere zu den Insurgenten über. Nur wenige blieben dem Zaren treu,unter ihnen Haucke, der dafür von den Insurgenten niedergemacht wurde.Das war für ihn selbst bedauerlich, eröffnete aber seinen Nachkommen dieBahn für großen Aufstieg.

Nach der Niederwerfung des polnischen Aufstandes erschien KaiserNikolaus in Warschau . Unter den Rebellen hielt er fürchterlich Mu-sterung, aber die Treuen wurden belohnt. Der Ehe des ermordetenGenerals Haucke waren zwei Kinder entsprossen. Der Sohn wurderussischer Offizier, die Tochter Hofdame der Cesarewna, der späterenKaiserin Maria Alexandrowna . Bei ihr begegnete Fräulein Haucke oft demBruder Ihrer Kaiserlichen Hoheit, dem Prinzen Alexander von Hessen-Darmstadt , der ein Petersburger Eliteregiment, die Gardes-a-Cheval,kommandierte. Zwischen beiden entspann sich ein zarter Roman. Als einmaldie Hofdame Julie Haucke hinter ihrer hohen Gebieterin in den Ballsaaltrat, meinte der Oberststallmeister Meyendorff mit der Derbheit eines altenKavalleristen:Wenn diese Hofdame eine Stute wäre, würde ich sagen:sie ist trächtig. Einige Tage später warf sich Fräulein Haucke der Cesa-rewna zu Füßen und gestand ihr, daß sie guter Hoffnung sei. Prinz Alex-ander trat ritterlich für seine Geliebte ein. Der strenge Kaiser Nikolaus ver-wies beide aus seinem Lande. Prinz Alexander heiratete 1851 FräuleinHaucke und wandte sich nach Österreich , wo er als General wieder ange-stellt wurde. Seine Gattin wurde in Hessen zuerst zur Gräfin, dann zurFürstin Battenberg erhoben.

Des ältesten Sohnes, der in die englische Marine eintrat und völlig zumEngländer wurde, habe ich schon gedacht. Der zweite, Alexander, war der