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DER MINGRELIER
Bulgarenfürst. Die einzige Tochter Battenberg heiratete einen GrafenErbach aus einem erlauchten fränkischen Geschlecht, das seinen Stamm-baum bis auf Eginhard und Imma, die Tochter Karls des Großen, zurück-führt. Der dritte Sohn, Heinrich, trat in sächsische Dienste. Ihm begegneteich 1879 in Ems, wo ich auch seine Eltern kennenlernte. Der Prinz Alex-ander von Hessen war ein durch und durch vornehmer und dabei liebens-würdiger Herr, die Fürstin Julie eine sehr kluge, sehr ehrgeizige Frau. DenSohn überredete ich, unterstützt von meinem Freunde, dem PrinzenHeinrich XVIII. Reuß, den sächsischen Dienst mit dem preußischen zuvertauschen. Ich setzte ihm selbst das Schreiben an den König von Sachsenauf, in dem er um Entlassung aus dem sächsischen Dienst bat. Er trat zuerstbei dem Königshusaren-Regiment in Bonn ein, dessen Reize ich ihm in allenFarben geschildert hatte. Von dort wurde er in die Gardes-du-Corps versetztund als Rittmeister bei diesem schönen Regiment von der alten KöniginVictoria als Gatte für ihre jüngste Tochter Beatrice ausersehen. Er avan-cierte als solcher zur Königlichen Hoheit, erhielt den Hosenbandorden undwurde Governor und Captain der Insel Wight , Governor von CarlsbrookeCastle. Er starb schon 1896 auf einer Expedition in Westafrika . SeineTochter wurde zwölf Jahre später Gemahlin des Königs Alfons XIII . undKönigin von Spanien . Wenn das der gute Kammerdiener Haucke erlebthätte!
In Sofia traf nach der Abreise des Battenbergers als Vertreter desKaulbars Zaren der General Kaulbars ein. Kaulbars gehörte zu jenen Deutsch -verlangt russen, die alle dem zaristischen System eigenen Fehler: Brutalität, Hof-Gehorsam f arti Willkür, mit deutscher Gründlichkeit ins Unerträgliche steigerten.
Er trat in Bulgarien im Stil der Paskewitsch, Berg, Murawjew und anderernach Polen entsandter Prokonsuln auf. Die erste Ansprache, die er an diebulgarische Regierung richtete, endigte mit den Worten: „Die Bedingungen,welche ich beauftragt bin den Bulgaren anzuzeigen, sind sehr kategorisch.Der Zar verlangt das vollständige Vertrauen und absoluten Gehorsam.“Die Rundreise, die Kaulbars durch Bulgarien antrat, war ein jämmerlicherMißerfolg. Die Bevölkerung beobachtete gegenüber dem Vertreter desZaren überall eine kühle und ablehnende Haltung. Nun schlug man vonPetersburg aus der bulgarischen Regierung als Thronkandidaten denFürsten Nikolaus Dadian von Mingrelien vor. Giers, Vlangaly und Sinowjew verhehlten mir nicht, daß sie den Mingrelier für einen „pauvre Sire“ hielten,der außer dem Umstand, daß er ein Schwiegersohn des russischen General-adjutanten Adlerberg sei, wenige Atouts in seinem Spiel habe. Die bul-garische Regentschaft erklärte sofort, das bulgarische Volk würde sich nieeinen Kaukasier aufdrängen lassen, der sein eigenes Vaterland für Geld anRußland verkauft habe.