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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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KREISRICHTER UND PROFESSOREN

Als wir un9 verabschiedeten, sagte uns der Kronprinz, daß er uns zurBahn geleiten wolle. Wir fuhren bei dem sehr milden Wetter in einemoffenen Break. An der Bahnstation angelangt, verabschiedete sich derKronprinz mit einem freundlichen Händedruck von meiner Frau und mir.Es war das letztemal, daß ich seine Siegfriedgestalt erblickte, in sein liebes,gütiges Antlitz sah.

Am nächsten Tage aßen wir in größerem Kreise im Hause Bismarck . DerBismarck über Fürst sprach fast nur von der Battenberg-Affäre. Der Enthusiasmus weiterdieBattenberg- deutscher Kreise für den Battenberger überraschte ihn nicht. Die DeutschenAffäre jetten die Eigentümlichkeit, sich auch dann für ausländische Vorgänge zuerhitzen, wenn ihre eigenen Interessen dadurch geschädigt würden. Wer inBulgarien regiere, ob Hinz oder Kunz, könne uns vollkommen gleichgültigsein, nicht aber, wie sich unser Verhältnis zu Rußland gestalte. Das Projektder Vermählung der Prinzessin Viktoria mit dem Battenberger sei eine eng-lische Intrige. Weder der Kaiser noch der Kronprinz wollten von dieser Ver-bindung etwas wissen, schon weil beide sie mit Recht als eine Mesallianceansähen. Er, Bismarck , sei erst recht gegen diese Heirat, weil sie unsereBeziehungen zu Rußland gefährde. Bismarck zog eine interessante Parallelezwischen der Situation von 1887 und der Lage der Dinge bei seinem Amts-antritt. Demokraten und Ultramontane würfen ihm jetzt vor, daß er nichtfür denedlen Battenberger gegen dasböse Rußland eintrete. 1863sei er von der Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhausebeschimpft worden, weil er nicht die Partei deredlen Polen gegen das-selbeböse Rußland ergrißen hatte. Wenn er 1863 den Ratschlägen vonSchulze-Delitzsch , Duncker, Grabow, Hoverbeck, Waldeck und ähnlichenKannegießern undSchwätzern gefolgt wäre, würden wir weder 1864,noch 1866, noch insbesondere 1870/71 erlebt haben. Der Fürst schloß miteiner sehr bitteren, sehr heftigen Betrachtung über dieDummheit derdeutschenKreisrichter undProfessoren. Der Professor wolle politischeVorgängewissenschaftlich prüfen und politische Lösungen auf Grundwissenschaftlicher Untersuchungen finden. Die Politik sei aber keineWissenschaft, sondern eine Kunst. Der Kreisrichter betrachte die Politikwie einen Rechtsfall:Wer hat recht, wer hat unrecht? Das sei ebensoeinfältig.

Kein objektiv Urteilender wird heute bestreiten, daß Fürst Bismarck mit seinen Klagen und Vorwürfen nur zu recht hatte. Eine andere Frageist, ob er die von ihm beklagten Ubelstände nicht dadurch hätte mildernund allmählich beseitigen können, daß er dieKreisrichter undPro-fessoren politisch erzog, indem er ihnen einigen Anteil an der Leitung desStaates gewährte und, wie dies Cavour in Italien und wie es in England eineReihe großer Staatsmänner getan hat, allmählich zu einem verständigen