DIE NARRENFREIHEIT
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parlamentarischen System überging, das mit einer kräftigen Monarchieebenso vereinbar war wie mit der im Interesse des Landes erforderlichenvollen Aufrechterbaltung unserer Wehrmacht.
In der Umgebung des Fürsten Bismarck waren hinsichtlich der Batten-berg-Affäre wie gegenüber Rußland die Ansichten geteilt. Herbert vertratwie immer die Auffassung seines Vaters, aber noch um einige Nuancenschärfer und um mehrere Grade einseitiger. Holstein kritisierte und be-kämpfte den russenfreundlichen Kurs. Holstein war, solange ich ihn kannte,also während dreißig Jahren, russenfeindlieh und anglophil. Wie alle Sym-pathien und Antipathien des seltsamen Mannes war auch diese Einstellungauf persönliche Vorgänge und Empfindungen zurückzuführen. Sein ersterPosten war St. Petersburg gewesen. Er war dort gesellschaftlich schlechtbehandelt worden. Die große Petersburger Welt hatte den jugendlichen,ungelenken, eitlen und empfindlichen Holstein, der weder durch die Schuleeines Korps noch eines Regiments gegangen, der ein Original war, unsym-pathisch gefunden. Spätere Reibungen mit russischen Kollegen in Paris und der Russischen Botschaft in Berlin waren dazugekommen. Dagegenhatte Holstein an mehrere Besuche in England und an einen längerenAufenthalt in Amerika gute Erinnerungen bewahrt. Einige englische Publi-zisten gehörten zu seinen nächsten Freunden. Bill Bismarck und Rantzaufanden wie Holstein, daß Fürst Bismarck zuviel Rücksicht auf Rußland nehme. Es war ein Beweis für die Ausnahmestellung, die Holstein bis zumSturz des Fürsten Bismarck bei diesem einnahm, daß der mißtrauischeKanzler, der im allgemeinen weder Widerspruch noch Kritik duldete,Holstein das Frondieren in der Battenberg- und in der Russenfrage nichtübelnahm. Er sagte auch nichts, als der Intimus von Holstein, der Berliner Korrespondent der „Kölnischen Zeitung “, der Justizrat Fischer, in seinemBlatt von einem Wettkriechen vor Rußland sprach. Als ich Herbert frug,was er zu Holsteins russenfeindlicher Haltung sage, meinte er lachend:„Holstein hat ein für allemal Narrenfreiheit.“ Er vergaß, daß es auchgefährliche Narren gibt.