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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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CHAUVINISMUS UND PANSLAWISMUS

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unversöhnlich gegenüber, und in Rußland scheint der deutschfeindlichePanslawismus mehr und mehr die Oberhand zu gewinnen. Italien wird zu-nächst abwarten und dann zum Sieger abschwenken, wie es das 1870 getanhat. England ist egoistisch und fängt an, auf unsere wirtschaftlichen Erfolgeund Fortschritte recht neidisch zu werden. Sollen wir es machen wie 1756Friedrich der Große , der kühn das Netz zerriß, das seine Gegner ihm überden Kopf werfen wollten ? Als ich noch einmal die Gründe geltend machte,aus denen ich die Bismarcksche Politik des Abwartens für richtig hielt,erzählte mir Loe, daß der Chef des Generalstabs, unser großer Moltke, ihmbei der Besprechung der Kriegsfrage kürzlich verbo tenus gesagt babe:

Vom rein militärischen Standpunkt spricht vieles dafür, daß wir gegenRußland oder auch gegen Frankreich Vorgehen, bevor beide noch stärkerwerden. So hat es der große König 1756 gemacht. Aber man kann sich auchzu Tode siegen, wie das Napoleon gezeigt hat, der einen prophylaktischenKrieg nach dem andern führte. Und dann: Mit einem neunzigjährigenKaiser, einem todkranken Kronprinzen und einem künftigen Kaiser undKönig, der militärisch und politisch die Reife eines Leutnants besitzt, darfman nicht einen Angriffskrieg führen.

Die Jahre 1887 und 1888 waren die ereignisreichsten, aber auch diekritischsten, die Europa seit dem Deutsch -Französischen Kriege sah. Erst Generalsiebzehn Jahre später, im Frühjahr 1905, trat wieder eine ähnliche Krisis Boulangerein. Die Gefahr für den Weltfrieden drohte in beiden Fällen von Frankreich .

Sie verkörperte sich 1887 in Boulanger, 1905 in Delcasse. Beide warenbeseelt von dem zügellosen Ehrgeiz, der in Frankreich glänzende Taten,aber auch herostratische Untaten erzeugt hat. Beide erfüllte festes Ver-trauen zu dem Patriotismus, dem Stolz, der Leistungsfähigkeit undElastizität des französischen Volkes. Beide griffen nach dem Lorbeer, derdem Franzosen winkte, der Elsaß-Lothringen wiederholen und Frankreich mit der Revanche seine Vormachtstellung auf dem Kontinent zurück-geben würde.

Das Anschwellen der chauvinistischen Strömungen in Frankreich bliebnicht ohne Rückwirkung auf Rußland. Im März 1887 übersandten Peters-burger Chauvinisten dem General Boulanger einen prächtigen Kosakensäbel,der die russische Inschrift trug:Wage, dem Kühnen hilft Gott! InMoskau wurde bei dem Jubiläum des populären Volksdichters Slawjanskiein Glückwunschtelegramm desselben Boulanger unter Beifallsstürmenverlesen. Schon vorher hatten prominente Moskauer Persönlichkeiten demfranzösischen General Saussier als Dank für eine Rußland verherrlichendeRede dasalte Symbol russischer Brüderlichkeit, einen kunstvollensilbernen Speisetopf, übersandt. Die Tschechen witterten Morgenluft. IhrFührer, Ladislaus Rieger, erklärte in einem an ein großes russisches Blatt