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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ATTENTATSANGST IN PETERSBURG

gerichteten Schreiben, die Tschechen seien die mächtige Festung, die imHerzen Europas das nach Osten drängende deutsche Meer in seine natür-lichen Grenzen zwinge und den Rücken des slawischen Ostens decke. ImHerbst erschien der Dichter der Revanche Paul Deroulede in Rußland ,ließ sich in Petersburg und Moskau feiern und war auch in anderen russischenStädten der Gegenstand franzosenfreundlicher Demonstrationen. Die imvorigen Kapitel behandelten bidgarischen Vorgänge trugen das ihre dazubei, die russische öffentliche Meinung im panslawistischen Sinne zu erregen.Sie wurden von der ganzen russischen Presse unter heftigen Ausfällengegen österreichische Intrigen und zum Teil auch mit ganz ungerechtenAngriffen gegen die deutsche Politik besprochen. Insbesondere wurde dieFerdinand im Sommer 1887 erfolgte Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburgvon Koburg zum Fürsten von Bulgarien in Rußland nicht allein auf österreichische,sondern, ohne jede Begründung, auch auf deutsche Intrigen zurückgeführt.

Die russische Regierung verhielt sich gegenüber diesem Uberschäumender chauvinistischen Flut nicht ganz untätig. Der General Bogdanowitsch,der nach Paris gefahren war, um Fühlung mit der Ligue des Patriotes zunehmen, wurde nach einem am Ural gelegenen Ortverschickt, eine Reihevon Zeitungenverwarnt. Aber als im August 1887 Katkow starb, derProphet der nationalistischen, autokratischen und orthodoxen Partei,richtete Alexander III. an die Witwe ein von ihm selbst niedergeschriebenesTelegramm, in dem es hieß:Im Verein mit allen echten Russen bedaureich herzlich Ihren und unsern Verlust. Die Kaiserin und ich vereinigenuns mit Ihnen im Gebet für die Ruhe der Seele des Patrioten MichailNikiforowitsch.

Während die russischen Nationalisten manchen Unfug trieben, warenGespräch wohl die Symptome der nihilistischen Krankheit gewaltsam zurück-mit dem gedrängt worden, das Übel selbst war nicht geheilt. Die kaiserliche FamilieGroßfürsten j e jj te Beständiger Angst vor Attentaten. Ich erinnere mich einesVorfalles, der durch die Persönlichkeit, um die es sich handelte, spätereinmal noch besondere Bedeutung gewinnen sollte. Ich frühstückte, wieoft, im Palais des Großfürsten Wladimir. Er war nicht zugegen, da er zuseinem Bruder, dem Zaren, gerufen worden war. Als er nach dem Luncheonerschien, teilte er der Großfürstin und mir in großer Erregung mit, daß einabscheuliches Attentat auf den Kaiser entdeckt worden sei. Man habeauf dem Newsky-Prospekt Studenten verhaftet, die, mit Sprengbombenversehen, den Schlitten des Zaren erwarteten. Der Führer dieser Bande, dender Großfürst mit allen erdenklichen Flüchen und Beschimpfungen belegte,ein gewisser Uljanow, werde im Laufe der nächsten Nacht den verdientenTod am Galgen erleiden. Der Bruder des damals hingerichteten Uljanow,Lenin, hat Jahrzehnte später, nach dem Sturz des Zarenthrons die SSSR. ,