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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE RUSSISCHE MECKLENBURGERIN

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die Sojuz Sozialisticeskich Sovetskich Respublik, den Bund der sozialistischen Rätestaaten, errichtet. Wie einst Hannibal, hatte er Rache geschworen undist seinem Schwur treu geblieben.

Nach meinem Dienstantritt als Erster Sekretär der Botschaft inSt. Petersburg war ich dem Großfürsten und der Großfürstin Wladimirnähergetreten. Der Großfürst war der begabteste unter den Söhnen desKaisers Alexander II . In einer etwas rauhen Hülle ein feiner Geist. SeinVerständnis für Kunst war größer als das der Durchschnittsdilettanten.Er hatte nicht gewöhnliche historische Kenntnisse und vertiefte sie durcheifrige Lektüre geschichtlicher Werke. Er liebte Paris und Pariser Freuden,aber er war zu klug, um nicht einzusehen, daß ein Krieg zwischen den dreiKaisermächten sehr wahrscheinlich den Sturz der drei Kaiserthrone undzunächst den Fall des Zarenthrones herbeiführen würde. Die GroßfürstinMaria Pawlowna war eine schöne Frau. Sie war sich ihrer Schönheitbewußt und hatte es nicht ungern, wenn man ihr huldigte. Sie war eineTochter des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerinund seiner frommen Gemahlin, der Prinzessin Auguste von Reuß-Schleiz-Köstritz. Streng religiös erzogen, war sie die erste deutsche Prinzessin, diesich, als sie einen russischen Großfürsten heiratete, weigerte, ihrem evan-gelischen Glauben untreu zu werden. Sie ist erst kurz vor dem Ausbruchdes Weltkrieges zur orthodoxen Kirche übergetreten. Eine Urenkelin derKönigin Luise von Preußen, hat sie lange treu an Preußen und Deutschland gehangen, bis auch sie, wie manche andere deutsche Fürstentochter, derWeltkrieg in andere Bahnen warf. Sie war nicht nur schön, sondern auchehrgeizig im großen Stil. Ich sagte ihr einmal, daß sie in jeder Richtung dasZeug zu einer Katharina II. in sich trüge, ein Kompliment, das sie nichtablehnte. Ich hatte von ihr die Erlaubnis erhalten, bei ihr zum Afternoon-Tea zu erscheinen. Ich lernte in ihrem Salon alle russischen Großfürstenkennen. Namentlich unter den jüngeren gab es manche, die deutsch-feindlich gesinnt waren. Als mich einer dieser Herren öfter bei der Groß-fürstin getroffen hatte, frug er mich:Depuis quand etes-vous si intimeavec Maria Pawlowna ? Er schwieg, als ich ihm erwiderte:II y a plus desept siecles que ma famille a Fhonneur de servir la sienne.

Als ich wieder einmal Tee bei der schönen Großfürstin trank, erschiender Großfürst und nahm mich beiseite. Indem er den streng konfidentiellenCharakter seiner Eröffnungen betonte, sagte er mir: Er habe am Abendvorher eine lange Unterredung mit seinem Bruder, dem Kaiser, gehabt,der ihm erklärt habe, daß er nach den letzten Vorgängen in Bulgarien ,wo Österreich eine ausgesprochen russenfeindliche Politik mache, frühermit dem Battenberger und jetzt mit dem Koburger, die Abmachungen vonSkiemiewice mit Österreich nicht erneuern könne. Dagegen wäre er bereit,

Großfürstin

Maria

Pawlowna