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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ABSCHIED VON PETERSBURG

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äußerte gern, er gäbe viel darum, wenn er in der Altmark zur Welt ge-kommen wäre. Er war ein schroffer Altkonservativer, und Bismarck standihm viel zu weit links. Er empfand, wie Kleist-Retzow, wie der General-adjutant Leopold Gerlach, wie Thadden-Triglaff und Moritz Blanckenburg empfanden, wie im Grunde auch der große Kriegsminister Roon empfand.Aber wie diese war er ein Charakter. Er hatte eine nicht allein feine, sondern,was schon damals immer seltener wurde, eine tiefe Bildung. Er hat alsMilitär-Attache in St. Petersburg 1866, als Botschafter in Wien 1870 undspäter als Botschafter in St. Petersburg dem Vaterlande ausgezeichneteDienste geleistet.

Schon vor dem Heimgang unseres alten Kaisers hatte mir HerbertBismarck , der 1886 Staatssekretär geworden war, geschrieben, daß ich baldeinen Gesandtenposten erhalten würde. Sein Vater hatte sich dagegengesperrt, da er mich in St. Petersburg für schwer ersetzbar hielt. Als seinSohn ihn darauf hingewiesen hatte, daß ich doch nicht wegen meiner gutenLeistungen in meinem Avancement Schaden nehmen dürfe, hatte SeineDurchlaucht geantwortet, ich könne ja in ein oder zwei Jahren vom Bot-schaftsrat direkt Botschafter in St. Petersburg werden. Nicht mit Unrechthatte Herbert darauf hingewiesen, daß ein solcher Sprung an Ort und Stelleweder in meinem persönlichen Interesse läge, noch den Grundsätzen desdiplomatischen Dienstes entspräche. So war ich für Washington aus-ersehen worden, und Herbert hatte schriftlich bei mir angefragt, was ichzu dem Gesandtenposten Washington sagen würde. Ich hatte trotz derTränen meiner lieben Frau, der vor der langen Seereise und der weitenEntfernung von ihrer Mutter und ihren Kindern bange war, sofort geant-wortet, daß ich überall hinginge, wo ich mich dienstlich nützlich machenkönne, und nach Washington besonders gern, da es mir interessant seinwürde, mir die Welt einmal von der anderen Seite der Erdkugel anzuschen.Schließlich hatte die kritische Lage der Dinge in Rumänien den Kanzlerbewogen, mich für Bukarest zu bestimmen. Ich wurde gleichzeitig an-gewiesen, meine baldmöglichste Übersiedelung auf meinen neuen Postenvorzubereiten, wo periculum in mora sei.

leb trennte micb nicht leicht von Petersburg, wo ich vier interessanteund seit meiner Verheiratung zwei überaus glückliche Jahre verbrachthatte. Vor der Abreise wurde ich mit meiner Frau zum Abendessen bei denrussischen Majestäten eingeladen. Alexander III., neben den meine Frauplaciert wurde, sprach ihr mit der herzlichsten Freundschaft von KaiserFriedrich: Je donnerais beaucoup, mais beaucoup pour que Dieu nous leconserve. Jai foi dans sa loyaute et confiance dans son bon sens. 11 est undes meilleurs hommes qui existent. Der Großfürst und die GroßfürstinWladimir batten meine Frau und mich am Tage der Beisetzung unseres

Bülow wirdGesandter inBukarest