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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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OCTAVIO PICCOLOMINI

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er:Merkwürdig! Sie haben eine Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit,denen man bei Deutschen selten begegnet. Als Endergebnis seiner Er-fahrung in innerpolitischen Kämpfen sagte er mir:Jede neue Regierungist wie ein Mann, der, ohne schwimmen zu können, ins Wasser geht.

Solange das Wasser ihm nur bis an die Knie reicht, muß man ihn in Ruhelassen. Steigt ihm das Wasser bis an den Bauch, so behalten Sie ihn scharfim Auge. Geht ihm das Wasser bis an die Kehle, so springen Sie ihm aufdie Schulter und ersäufen ihn. Nach solchen Gesichtspunkten wurde inRumänien der innerpolitische Kampf geführt. Ein anderer rumänischerParteiführer gab mir eine Lehre, die ich nie vergaß. Er hieß Vernescu.

Er hatte mir, während er in der Opposition war, viele und anscheinendaufrichtige Versprechungen für den Augenblick gemacht, wo er ans Ruderkommen würde. Als er nun Minister wurde und keine seiner Versprechungeneinlöste, erinnerte ich ihn in diskreter Weise an seine Zusagen. Er antwortetemir:Vous ne sauriez croire, mon eher Monsieur, ä quel point le gouverne-ment change les idees dun hommc.

Mein Vorgänger in Rumänien war der Gesandte Dr. Klemens Busch.

Ein tüchtiger Philologe, war er Dragoman unserer Botschaft in Kon- Dr. Klemensstantinopel geworden, wo er sich nicht nur mit Studien über Homer Buschbefaßte, sondern auch diplomatisch gute Dienste leistete. Mein Vater, dergebildete Leute liebte, berief ihn in das Auswärtige Amt, wo er zum Unter-staatssekretär aufstieg und sich als solcher bewährte. Auf seinen Wunscherhielt er dann nach einigen Jahren einen Gesandtenposten. Als ich Buschnach meinem Eintreffen in Bukarest aufsuchte, erzählte er mir eine merk-würdige Äußerung des Fürsten Bismarck. Als Busch sich vor seiner Abreisenach Bukarest bei Seiner Durchlaucht abmeldete, hatte ihn der Fürstgefragt, warum er aus dem Auswärtigen Amt fortgedrängt habe.Sie habensich wohl mit dem neuen Staatssekretär, meinem Sohn Herbert, nichtvertragen können? Ja, ja, mein Sohn ist mit noch nicht vierzig Jahrenselbstbewußter und eigensinniger, als ich es nach einigen, selbst von meinenGegnern nicht ganz zu bestreitenden Erfolgen geworden bin. Busch hatteerwidert, daß seine Beziehungen zum Grafen Herbert immer gut gewesenseien. Er habe aber mit dem Geheimrat von Holstein nicht auskommenkönnen. Sehr ernst erwiderte der große Fürst:Ja, dann kann ich Ihnennicht helfen. Ich muß einen haben, auf den ich mich ganz verlassen kann,das ist Holstein. Dazu bemerkte Busch, als er mir diese Äußerung erzählte:

Möge sich der große Bismarck nicht in Holstein irren, wie sich der großeWallenstein in Octavio Piccolomini irrte. Und der sehr gebildete Dr. Buschzitierte aus Schillers TrauerspielWallensteins Tod den berühmtenMonolog, in dem der Friedländer zuerst von den Augenblicken spricht, w r oman dem Weltgeist näher sei als sonst, und zum Schluß Octavio Piccolomini