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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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STURMZEICHEN

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der Rheinprovinz , Herrn von Berlepsch, abgegeben habe, der sich desVertrauens Seiner Majestät erfreue und in der Arbeiterschutzfrage vor-geschrittenen Ansichten huldige. Das Bedenkliche sei, meinte König Carol,daß es sich bei dem Gegensatz zwischen Kaiser und Kanzler weniger umtechnische Einzelheiten und nicht nur um die einzuschlagende Richtungder Sozialpolitik handle, sondern um die staatsrechtliche Stellung desKanzlers, um das Verhältnis zwischen Kanzler und Krone und die Be-ziehungen zwischen dem Ministerpräsidenten und seinen Kollegen. Bei-läufig erwähnte König Carol, daß außer Berlepsch, und fast noch mehrals dieser, der Staatssekretär des Innern, von Bötticher, sich in derGunst des Kaisers festgesetzt habe. Als nicht lange nachher Herrvon Bötticher den hohen Orden vom Schwarzen Adler erhielt, meinte derKönig:Ein Sturmzeichen! Seit Bötticher lieb Kind bei Seiner Majestätgeworden ist, traut ihm Bismarck nicht mehr. Eine so ungewöhnlicheAuszeichnung für Bötticher ohne vorherige Anfrage bei Bismarck wird derletztere als eine Taktlosigkeit, und mehr als das, als eine bewußte Un-freundlichkeit, empfinden. Die vomReichsanzeiger im Februar ver-öffentlichten kaiserlichen Sozialerlasse bestärkten den König von Ru-mänien in seinen Sorgen.Die Erlasse werden wohl von Berlepsch oder vonHinzpeter oder von Bötticher oder von allen dreien zusammen redigiertworden sein. Sie sind von Bismarck nicht kontrasigniert worden. Die darinzum Ausdruck gebrachten Gedanken und Absichten sind sehr schön, aberbei ihrer Ausführung dürften sich erhebliche praktische Schwierigkeiten er-geben. Der König zitierte das Wort, das zum jungen Max Piccolomini deralte Wallenstein spricht:Leicht beieinander wohnen die Gedanken, dochhart im Raume stoßen sich die Sachen.

Bald darauf, es war am 2. März 1890, erhielt ich einen Brief von PhiliEulenburg, in dem er mir schrieb, daß das Verhältnis Seiner Majestät Brief Philippdes Kaisers zu Bismarck einunhaltbares geworden sei. Der Kanzler habe Eulenburgskein Verständnis für unseren neuen Herrn. Im Interesse beider Teile er-scheine eine Trennung wünschenswert, jedenfalls als das kleinere Übel.Voraussichtlich würde Herbert mit seinem Vater ausscheiden. Ich seider beste Nachfolger für Herbert, und der Kaiser rechne auf mich. PhilisBrief war kurz, sehr eilig und ziemlich fahrig. Da der Feldjäger, der ihn mirbrachte, wenige Stunden nach seinem Eintreffen seine Fahrt fortsetzenmußte, war ich genötigt, meine Antwort, nachdem ich mir einige Stich-worte notiert hatte, sogleich ins reine zu schreiben, ohne vorheriges Kon-zept, au courant de la plume. Ich besitze aber noch eine Niederschriftmeines Briefes, die ich nicht lange nach seiner Absendung an der Handmeiner Notizen diktiert habe und die den S inn meiner Darlegungen inallem Wesentlichen und jedenfalls ihrem Geiste nach getreu wiedergibt. In