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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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DER LORD VON EDENHALL

den von Professor Haller herausgegebenen Denkwürdigkeiten des FürstenBülows Eulenburg ist dieser Brief nicht abgedruckt worden. Ich begann ihn mitAntwort dem Ausdruck der Genugtuung darüber, daß nach den in Bukarest ein-gegangenen Zeitungsmeldungen die Phase, aus der heraus Eulenburg mirgeschrieben habe, ihren vorläufigen Abschluß durch eine lange und be-friedigende Unterredung zwischen Seiner Majestät und dem Reichskanzlergefunden habe, die unter gegenseitigen Konzessionen zu einem Vergleichgeführt habe. Die tiefergehenden Gründe, aus denen die allmählich in dieÖffentlichkeit getretenen Divergenzen zwischen dem jungen Kaiser unddem großen Kanzler hervorgingen, würden freilich wohl leider als chro-nisches Übel andauern und könnten von Zeit zu Zeit immer wieder einenakuten Charakter annehmen. Ich fuhr fort:

Soweit ich mir aus der Ferne ein Urteil über unsere sehr ernste inner-politische Lage bilden kann, stelle ich den Satz an die Spitze, daß trotz allerSchwierigkeiten alles geschehen sollte, um den Kanzler und Herbert zuhalten. Es würde auf die hoffentlich noch sehr lange Regierung unseresAllergnädigsten Herrn einen tiefen Schatten werfen, wenn an ihrem Beginnder große Kanzler, der langjährige Diener Kaiser Wilhelms I., zurückträte.Gerade weil nach dem Laufe der Natur dem fünfundsiebzigjährigen Kanzlerkaum noch ein langes Leben beschieden sein kann, ist es doppelt wünschens-wert, daß dieses große Leben ohne Krach mit der Krone abschließt. Esliegt in der Individualität Seiner Durchlaucht, daß er seinen Abgang even-tuell schwerlich im guten bewerkstelligen wird. Einen Abschiedsbrief ä laMoltke wird er nicht schreiben. Wenn ich auch nicht glaube, daß er durchseinen Fortgang absichtlich Unruhe und Schwierigkeiten würde hervor-rufen wollen, so wird er sich den Zeitpunkt und die Umstände des Rück-tritts doch genau überlegen. Er 'würde dafür sorgen, daß er das hätte, wasdie Franzosen ,une belle sortie 4 nennen. Ein solcher Abgang von der Szenewürde viele gute und brave Leute in Deutschland mit Schmerz und Sorgeerfüllen. Der verabschiedete Reichskanzler würde ihnen als eine Art vonBeiisar erscheinen, der, ein Opfer der Fürstenlaune, wenn auch nicht amWege betteln, so doch in Varzin sich in einsamer Untätigkeit verzehrenmüßte. Die Schlechtgesinnten würden unsern Kaiser im Lichte des jungenLord von Edenhall hinstellen, der das Schicksal versuchen will, trotz derWarnung, die der greise Schenk erhebt, des Hauses ältester Vasall. Auchwürde der Reichskanzler, wenn er nicht sehr alt und matt geworden seinsollte, wovon ich nichts merke, cum animo revertendi fortgehen. Das würdejedes Regieren ohne Bismarck zu einem Regieren gegen Bismarck machen!Das würde im höchsten Grade paralysierend und verwirrend auf alle Re-gierungsorgane einwirken. Es würde auch die eigene Stimmung und Hal-tung Seiner Durchlaucht sehr ungünstig beeinflussen. Seine Rückkehr nach