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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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HAGEN VON TRONJE

Herbert

Bismarck

vorhanden ist, wie sie unser Allerhöchster Herr bisher zeigt. Möge ihn derGedanke stärken, daß die Bewährung dieser Tugenden gerade gegenüberdem Fürsten Bismarck sich später sicherlich als ein Glück und einSegen für den ganzen Lauf seiner Regierung heraussteilen wird! Der Reichs-kanzler ist nicht nur für persönliche und selbst rein formale Liebenswürdig-keiten empfänglich, sondern auch für den Appell an sein dynastisches Ge-fühl. Er empfindet im innersten Kern als märkischer Vasall, und der Königist ihm nicht ein abstrakter Vernunftsbegriff, sondern der Lehnsherr, dender echte Germane mit besonderem Maßstabe mißt. Hagen von Tronje warnicht sentimental, seine Herren vom Burgunderland aber waren ihm dochganz eigen ans Herz gewachsen. Herbert ist sehr verschieden, je nach seinervon seinen Nerven sehr abhängigen momentanen Disposition. Für Auf-merksamkeiten ist er empfänglicher, als man annehmen sollte bei einem vomGlücke so verwöhnten Mann. Ruhige Behandlung wirkt kalmierend aufihn. Er ist zu klug, um mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, wenn ersich davon überzeugt, daß die Wand fest und dauerhaft ist. Wer, wie wirbeide, Herbert liebt, muß manche seiner Fehler beklagen. Als den größtenbetrachte ich seine outrierte Menschenverachtung. Schon deshalb ist erkein großer Menschenkenner. Wenn die Menschen leider selten Engel sind,so sind sie auch nicht alle Schufte. Ich bin vielen begegnet, die selbstlos gutzu mir waren, ich selbst war es auch manchmal. Der kälteste Realismus inder Politik, wo die Salus publica die Suprema lex sein soll, schließt nichtaus, daß man seine eigenen Leute freundlich behandeln und ihre edlerenInstinkte entwickeln soll. Indem Herbert alle Menschen und insbesonderealle seine Untergebenen a priori für Kanaillen hält und jedem schlechteMotive unterschiebt, entmutigt und demoralisiert er gerade die Besseren.Er gelangt so zu Mißtrauen, wo er vertrauen könnte, und traut manchemSchwindler. Gern möchten wir Herbert weniger zynisch, ausgeglichener undrücksichtsvoller sehen. Wieviel Gutes könnte er damit stiften, wievieleFreunde sich machen. Aber auch mit seinen Schattenseiten ist Herbert,so lange sein Vater lebt, der beste Staatssekretär. Das sage ich nicht nuraus Gefühlsgründen. Meine persönlichen Empfindungen für Herbertschließen zwar für mich einen Gegensatz zu ihm oder eine Rivalität mitihm völlig aus. Aber ich bin ein zu fanatischer Patriot, als daß nicht dasWohl und der Ruhm von Kaiser und Reich für mich über jedem anderenGefühl und jeder anderen Rücksicht 6tänden. Auch vom Vernunftsstand-punkt aus, reiflich und kühl erwogen, bin ich der Meinung, daß Herbertgroße Vorzüge vor allen anderen Kandidaten für das Staatssekretariat hat.Er ist ein tüchtiger Arbeiter. Er hat seinem Vater viel abgesehen. SeinName wiegt schwer. Einen Outsider zu nehmen, ist unendlich gewagt. Dasdiplomatische Gewerbe ist wie das Erlernen des Whist: Jeder glaubt es zu