DIE ARBEITERFRAGE
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können, wenn er beim Spiel zusiebt oder einen Robber mit etwas Glückgespielt hat. Allmählich erkennt man aber, daß viel Übung und Spezial-kenntnis, ganz abgesehen von der Veranlagung, erforderlich ist.
Über den Ausfall der Reichstagswahlen würde ich nur dann erschrecken,wenn man bei uns den Kopf verlöre, wovon ja Gott sei Dank keine Rede Die sozia-lst. Der Sieg der oppositionellen Parteien hat viele Ursachen. Daß bei uns listisckeneuerdings die Friedensschalmei gar so eifrig und intensiv geblasen wurde, ■® eM,e g un £trug wohl auch dazu bei. Dem Deutschen fehlt noch der reizbare National-stolz wie der geschulte politische Nützlichkeitssinn anderer Völker. Darumüberläßt er sich gar zu gern rechthaberischem Trotz und naivem Doktrina-rismus, wenn ihm der Himmel ganz wolkenlos erscheint. Unsere innere undäußere Politik sollte trotz bester Friedensaussichten darauf zugeschnittensein, daß uns das Ende des Jahrhunderts den entscheidenden Kampf fürden monarchischen Nationalstaat bringen kann. Die sozialistische Be-wegung kann zum Absolutismus führen, zum Parlamentarismus hat sieselten geführt. Die Geschichte lehrt, daß sich oft in Zeiten hochentwickelterZivilisation bei den Massen sozialistisch-kommunistische Tendenzen zeigten.Gesellschaft und Staat waren aber bisher noch immer stark genug, solcheBewegungen niederzuschlagen: Rom ist mit seinen Proletariern und Skla-ven, das Mittelalter mit den Bauern und Wiedertäufern, das moderne Frank-reich mit den Jakobinern wie mit der Kommune fertig geworden. Die Pferdemögen schlagen und beißen, wie sie wollen, am Ende kommen sie dochwieder vor den Wagen und bekommen wieder einen Kutscher, der sie mitZügel und Peitsche lenkt. Es muß aber dafür gesorgt werden, daß demWagen und seinen Insassen inzwischen nichts Ernstliches passiert. Eskommt darauf an, daß bei einer eventuellen Repression das Staatswesenim Innern wie nach außen nicht zu großen Schaden nimmt, und am bestenist es, ohne solche Repressionen die Bewegung zu überwinden. Einen an-deren Weg als den bei uns eingeschlagenen gibt es nicht, nämlich einerseitsgroßzügige reformatorische gesetzliche Maßnahmen, andererseits Unter-drückung gewaltsamer Auflehnung. Das eine schließt das andere nicht aus.
Auch wenn ,geknallt* werden müßte, sollte die Sozialreform keinesfalls auf-gegeben werden. Die Allerhöchsten Erlasse und Vorschläge in der Arbeiter-frage sind wohl die bedeutendste Maßnahme, die wir seit den Stein-Hardenberg-Reformen gesehen haben. Warum soll der Monarchie die Ein-renkung des vierten Standes in den Staatsorganismus nicht gelingen, wosie am Anfang des Jahrhunderts unter noch schwierigeren Verhältnissendiejenige des dritten durchführte ? Hoffentlich wird auf dem eingeschlagenenWege verständnisvoller und sorgsamer Behandlung der Arbeiter und Fort-führung der sozialen Fürsorge besonnen, vorsichtig, praktisch und vorallem stetig fortgeschritten werden. Stetigkeit ist überhaupt in der inneren