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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE WUNDE DER GERMANIA

Der Ausgangdes Kultur-kampfes

Die National-liberalen

Politik in Deutschland eine große Hauptsache! Das Ruck- und Stoßweisebringt den schwerfällig angelegten Deutschen aus dem Häuschen, währendKreuzsprünge und Widersprüche ihm bei seinem ausgesprochenen Hangezu Ernst und Gründlichkeit als Frivolität erscheinen.

Mit den richtigen ,Ultramontanen 4 ist freilich kein ewiger Bund zuflechten, aber gegen eine zweite Auflage des Kulturkampfes bin ich durch-aus. Die erste war wohl der einzige große politische Fehler des Reichs-kanzlers, denn über die Einführung des allgemeinen Stimmrechts läßt sichstreiten. Der Kulturkampf hat unsere evangelische Kirche während desStreits geschwächt, beim Friedensschluß gedemütigt. Er hat die katholischeKirche gekräftigt und gehoben, das Zentrum recht eigentlich großgezogenund damit unsere parlamentarischen Verhältnisse auf lange hinaus ver-wirrt und erschwert. Das schlimmste aber war, daß die gefährlichste Wundeam Leibe unserer hehren Mutter Germania, die Glaubensspaltung, der wirschon den Dreißigjährigen Krieg mit allem sich daran anschließendennamenlosen Elend verdanken, durch den Kulturkampf vergrößert und ver-schärft wurde. Es hilft natürlich nichts, zu klagen, daß wir nicht, wie Ruß-land und Frankreich, den großen politischen Vorzug konfessioneller Homo-genität und Geschlossenheit besitzen. Wir müssen mit den vorhandenenFaktoren rechnen und gewissenhaft vermeiden, was das Übel ver-schlimmern könnte. Der Ausgang des jüngsten Kulturkampfes wie ähn-licher früherer Wirren, die Ergebnisse der Glaubenskämpfe im 16. und17. Jahrhundert, die Folgen der Kirchenpolitik der Hohenstaufen undSalier reden eine deutliche Sprache. Wenn ich gegenüber der Kurie kalt-blütige Ruhe und in allen deutschen interkonfessionellen Fragen großeSchonung der Katholiken für die einzig richtige Taktik halte, so bin ichdoch weit entfernt von Vertrauensseligkeit gegenüber dem ,Ultramonta-nismus 4 . Ihm gegenüber kann nach seiner ganzen Natur nur von einemModus vivendi, nicht von ewigem Frieden die Rede sein. Speziell darfunsere auswärtige Politik gewiß nicht in den Dienst der Kurie gestellt oderauch nur von ihr beeinflußt werden. Gerade die im Dreibund verkörpertePolitik kann richtig und ohne Nachteil für uns nur von Leuten geleitetund ausgeführt werden, die bis ins Mark preußisch sind und genährt mitder Milch friderizianischer Denkungsart. Wirkliche ,Ultramontane 4 würdenunter der Firma des Dreibunds anderer Leute Geschäfte machen als dieunsrigen.

Die Nationalliberalen zu verfolgen, ist gar kein Anlaß. Wollte derHimmel, daß diese im Innern zahme, nach außen vaterländisch gesinnteSpielart bei uns zahlreicher vertreten wäre. In Süddeutschland sind über-dies die Nationalliberalen vorläufig die einzigen hieb- und stichfestenVertreter des Reichsgedankens. Es wird noch viel Wasser Main, Rhein und