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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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SEIN EIGENER KANZLER SEIN

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der Behandlung der Sozialdemokratie mit Bismarck überworfen habe. Erbenutzte nur diese Meinungsverschiedenheit, um sich des unbequemenHauslehrers, wie er in jener Zeit Bismarck im Gespräch mit Phili Eulen-burg genannt hatte, zu entledigen. Bismarck war noch nicht lange fort-geschickt, als der Kaiser von Caprivi ein schärferes Vorgehen gegen Wilhelm II. die Sozialdemokratie verlangte. Er hat ein solches wieder und wieder g e S en d e

vom alten Fürsten Hohenlohe gefordert. Und während meiner Amtszeit 0Zla " .

dcmokratie

verging kein Jahr, wo nicht der Kaiser bald erregt, unwirsch und stürmisch,bald in liebenswürdiger Form von mir ein gewaltsames Vorgehen gegen dieBoten verlangt hätte. Ich habe ihm erwidert, daß, wenn er glaube, dieSozialdemokratie müsse mit Gewalt unterdrückt werden, er sich nicht vomFürsten Bismarck hätte trennen dürfen. Ich wisse nicht, ob es dem FürstenBismarck gelungen sein würde, die sozialdemokratische Bewegung aus-zurotten, jedenfalls wäre er aber der einzige gewesen, der diesen Versuchhätte unternehmen können.

Eine verschiedenartige Beurteilung der Rußland gegenüber ein-zuschlagenden Politik hat bis zu einem gewissen Grade zum Sturz des Die Be-Fürsten Bismarck beigetragen. Der Kaiser wollte die deutsch -russischen ZiehungenBeziehungen durch sein persönliches Eingreifen, häufige Besuche in Ruß - zu Ru ß^ an(!land, gelegentliche Übersendung von Geschenken, schwungvolle Reden,freundschaftliche Demonstrationen aller Art günstig beeinflussen. DerKanzler verließ sich mehr auf eine klug geleitete Politik und den von ihmabgeschlossenen Rückversicherungsvertrag, der vor seiner Erneuerungstand, die vom Kaiser Alexander und dem Minister Giers gewünschtwurde. Dem Kaiser wurde von den Gegnern seines großen Ministers ein-geredet, daß dieser gegenüber Rußland zu vertrauensselig sei. Unter demEinfluß von Waldersee ging der Kaiser so weit, dem Fürsten Bismarck heftig und in ungezogener FormBlindheit gegenüber der von Rußland furchtbar drohenden Gefahr vorzuwerfen. Holstein, damals in engerFühlung mit Waldersee , hatte dafür gesorgt, daß ein alarmierender Berichtdes Konsuls Raffauf in Kiew dem Kaiser in die Hand gespielt werdenkonnte.

Der eigentliche, tiefste und wirkliche Grund, aus dem der Kaiser sich vonBismarck trennte, war, daß er selbst Bismarck spielen, d. h. im Inland undim Ausland die Stellung einnehmen wollte, die Bismarck jahrzehntelangbehauptet hatte. Das meinte wohl auch Bismarck , als er sagte, der Kaiserwolle sein eigener Kanzler sein. Das meinte jedenfalls Wilhelm II. , alser wenige Tage nach der Beseitigung Bismarcks an seinen Erzieher Hinz-peter telegraphierte:Mir ist so weh, als hätte ich noch einmal meinen Groß-vater verloren, aber von Gott Bestimmtes ist zu tragen, auch wenn mandarüber zugrunde gehen sollte. Das Amt des wachthabenden Offiziers auf