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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ZWEI KUGELN STATT DREI

Die Nicht-erneuerungdes Rückver-sicherungs-vertrags

dem Staatsschiff ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte. Volldampfvoraus! Der Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Herr von Lucanus, fürch-tete, es würde keinen guten Eindruck machen, wenn der Monarch eine soprogrammatische Kundgebung an seinen früheren Erzieher richtete. Des-halb wurde fingiert, daß der alte Großherzog Karl Alexander von Weimar,der Schwager des Kaisers Wilhelm I. , der Adressat gewesen sei.

So, wie der Bruch zwischen Kaiser und Kanzler erfolgte, bedeutete er einschweres Unglück für das Deutsche Reich. Die Trennung hätte unter allenUmständen in würdiger Form erfolgen müssen, unter Wahrung der Ehr-furcht, auf die ein Mann wie Bismarck berechtigten Anspruch hatte, unterVermeidung aller schädlichen und unnötigen Kränkung. Und vor allem:Bismarck durfte nur fortgeschickt werden, wenn der Kaiser entschlossenwar, nach seinem Ausscheiden eine liberalere Richtung einzuschlagen, alsowenn auch nicht sofort das parlamentarische System im westeuropäischenSinne einzuführen, so doch sich einem solchen zu nähern. Auf die DiktaturBismarck durfte nicht eine Diktatur Wilhelm II. folgen, denn Bismarck war ein Genie, Wilhelm II. war kein Genie.

In unmittelbarem Zusammenhang mit der Verabschiedung des FürstenBismarck stand die Ablehnung der von Rußland gewünschten Erneuerungdes Rückversicherungsvertrages, die Zerschneidung des Drahtes mit Ruß-land, wie Fürst Bismarck das genannt hat. Sie mußte um so ungünstigerwirken, als der Kaiser, kurz bevor die Entlassung des Fürsten Bismarck eine vollendete Tatsache geworden war, dem russischen Botschafter, demGrafen Paul Schuwalow , persönlich und kategorisch erklärt hatte, er stündeihm dafür ein, daß der deutsch-russische Vertrag mit oder ohne Bismarckerneuert werden würde. Umsonst insistierte Herr von Giers. Umsonst er-klärte er, daß, wenn wir die Erneuerung des Vertrages ablehnten, KaiserAlexander III. sich gegen seine innere Neigung zum Bündnis mit der Fran-zösischen Republik genötigt sehen würde. Umsonst wies Schuwalow daraufhin, daß die Nichterneuerung des Vertrages, nachdem Kaiser Wilhelm II. sie versprochen habe, in Petersburg Bestürzung und äußerstes Mißtrauenhervorrufen müßte, jedenfalls auf Kaiser Alexander einen deplorablen Ein-druck machen und Rußland geradezu in die Arme der Französischen Re-publik treiben würde. Caprivi übersah nicht die Situation. Mit einer Be-scheidenheit, die vom moralischen Standpunkt aus vielleicht rührend war,aber dem Leiter eines großen Reiches nicht wohl anstand, meinte er, nach-dem ihm von Marschall und Holstein Vortrag gehalten worden war:Bis-marck war imstande, mit drei Kugeln zu jonglieren, ich kann aber nur mitzwei Kugeln spielen. Es zeigte sich hier der Unterschied zwischen Soldatund Staatsmann. Der Soldat geht gerade und direkt auf sein Ziel los. DerStaatsmann kann sein Ziel oft nur auf Umwegen erreichen, mit Tempo-