ALLES ANDERS MACHEN
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risieren, durch Geduld. Er muß abwarten können, wie der auf dem Anstandstehende Jäger. Er muß auch nuancieren können. Die Mentalität des gutenCaprivi war zu einfach, etwas naiv. Marschall war damals ganz der Ministreetranger aux affaires, wie ihn mit grausamem Spott nach seiner Ernennungzum Staatssekretär des Äußern Bismarck genannt hat. Er stand völligunter dem Einfluß von Holstein, der mit der ihm eigenen, bisweilen anMonomanie streifenden leidenschaftlichen Verbissenheit nach dem Sturzdes großen Chefs ganz seiner alten Abneigung gegen unsern östlichen Nach-bar die Zügel schießen ließ und alles „anders“ machen wollte als Bismarck,den er haßte, seitdem er ihn verraten hatte.
Dem Kaiser wurde gesagt, daß der Rückversicherungsvertrag eine „Un-treue“ gegen den ehrwürdigen Kaiser Franz Josef gewesen sei, die einesso ritterlichen Monarchen wie Wilhelm II. nicht würdig sei. Es wurde ihmauch eingeredet, daß, wenn über den Vertrag mit Rußland etwas durch-sickere, wir nicht nur für immer das Vertrauen und die Achtung der Öster-reicher verlieren, sondern auch in England verachtet werden würden. DerKaiser war nicht lange nach seiner Thronbesteigung zum englischen Ad-miral, zum Real Admiral of the Fleet, ernannt worden, eine Auszeichnung,die ihn um so mehr berauscht hatte, als er daraus entnehmen zu könnenglaubte, daß sein Verhalten gegen seinen Vater und sein gespanntes Ver-hältnis zu seiner Mutter ihm in England nicht geschadet hätten. Die Fort-dauer des deutsch -russischen Rück Versicherungsvertrages war durchausvereinbar mit dem deutsch -österreichischen Bündnis wie mit guten Be-ziehungen zu England . Der langjährige österreich-ungarische Botschafterin Berlin , Graf Szögyenyi, hat mir später mehr als einmal gesagt, dieKündigung des Rückversicherungsvertrages sei auch für Österreich-Ungarn ein Unglück gewesen. „Dieser Vertrag“, sagte mir Szögyenyi, „warnicht nur eine bedeutsame Garantie für den Weltfrieden, sondern er warauch ein Glück für die habsburgische Monarchie, denn er verhinderte unsan Dummheiten.“ Was England anging, so lag die Sache so, daß es um somehr Rücksicht auf uns nahm, je besser unser Verhältnis zu Rußland war.
Wie Bismarck dies vorausgesehen hatte, war die unmittelbare, die auto-matische Folge unserer Kündigung des Rückversicherungsvertrages derAbschluß der russisch-französischen Allianz. Schon im Mai 1890wurde der früher gemaßregelte Führer der Panslawisten, Tschernajew,reaktiviert und unter Stellung ä la suite des Generalstabs zum Mitglied desKriegsrats ernannt. Im Mai 1890 besuchte der Zar mit seiner Familie indemonstrativer Weise eine von den Franzosen in Moskau veranstalt ete Aus-stellung. Am 23. Juli erschien ein französisches Geschwader unter demKommando des Admirals Gervais in Kronstadt, wo es von der Bevölkerungund den Mannschaften der russischen Schiffe begeistert aufgenommen
Die russisch-französischeAllianz