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wegen Teilnahme an einem Aufstand zu lebenslänglicher Galeerenstrafeverurteilt worden. Von Garibaldi befreit, war er zum Abgeordneten gewähltworden und nicht lange nachher Minister des Innern geworden. Sein mitWürde getragenes Martyrium hatte ihn populär gemacht. Von allen Seitenaufgegeben, hatte das Kabinett Giolitti Ende November 1893 seine De-mission eingereicht. Erst nach vierzehntägigen mühsamen Verhandlungenund nachdem eine Kombination Zanardelli gescheitert war, wurde Crispi mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut.
Ich hatte in Berlin denjenigen, die an der politischen und fast noch mehran der wirtschaftlichen Zukunft Italiens verzweifelten, gesagt, daß ichihren Pessimismus nicht zu teilen vermöchte. Ich hatte Vertrauen zu demleidenschaftlichen Patriotismus und zu der politischen Elastizität desitalienischen Volkes, das im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, desJahrhunderts seines Risorgimento, noch ganz andere Schwierigkeiten über-wunden habe. Die weitere Entwicklung hat mir recht gegeben. Crispi warein Staatsmann von großem Format: klar, zielbewußt, energisch, völligfurchtlos. Sizilianer von Geburt, hatte er sich schon als Jüngling an denRevolten der Patrioten gegen die Bourbonen beteiligt. Zum Tode ver-urteilt, hatte er als Exilierter in kümmerlichen Verhältnissen auf Malta und in Paris gelebt und weiterkonspiriert. An die Spitze der Regierungseines Landes gestellt, wandte er sich gegen die aufständische Bewegung,die es zu bewältigen galt, mit derselben Entschlossenheit, mit der er einstals Verschwörer die Mißwirtschaft der Bourbonen bekämpft hatte. Er ver-las in der Deputiertenkammer und im Senat eine mutige Erklärung, in derer an das Andenken von Garibaldi und Mazzini, an das Andenken „unsererbeiden Großen“ appellierte und die Lage des Vaterlandes für so ernst er-klärte „wie noch nie“. Die Macht des Gesetzes müsse gestärkt, die Finanzenmüßten reorganisiert und zu diesem Zwecke große Opfer vom Lande ver-langt werden. Die materielle Einheit des Vaterlandes müsse gesichert, seinemoralische Einheit befestigt werden. Das Werk, das die neue Regierungin Angriff nehme, sei das wichtigste seit dem Erlasse der nationalen Ver-fassung von 1859. Am nächsten Tage proklamierte Crispi den Belagerungs-zustand, verstärkte die Garnisonen in den Aufstandsgebieten und ließ zahl-reiche Agitatoren verhaften. Zum Oberbefehlshaber auf Sizilien wurde dertüchtige GeneralMorra ernannt, der Erzieher desKönigsViktorEmanuellll.und spätere Botschafter in St. Petersburg . In den aufständischen Gebietenmußten alle Waffen auf den Polizeiämtern abgegeben werden. Die Einfuhrvon Feuerwaffen wurde allgemein verboten. Bei Zusammenstößen zwischenMilitär und Aufrührern machte das Militär rücksichtslos von der WaffeGebrauch. Nicht nur in Sizilien, sondern überall, wo es zu Unruhen ge-kommen war, in Massa und Carrara, in Bari, Ancona und Mantua, wurden
Crispis
Ministerium