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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ROMANISCHE STAATSRÄSON

Ruhe und Ordnung mit Strenge wiederhergestellt. Der AbgeordneteDe Felice, der intellektuelle Urheber des sizilianischen Aufstandes, wurdeverhaftet und deportiert. Als sich seine Frau dem Ministerpräsidenten Crispizu Füßen warf und um die Freilassung ihres Gatten flehte, wandte er ihr denRücken mit den Worten, daß er keine andere Richtschnur kenne als dieStaatsräson, und die verlange vom Ministerpräsidenten Festigkeit. DerRechtsanwalt Molinari, der den Aufstand der Arbeiter in den Marmor-steinbrüchen von Massa-Carrara organisiert hatte, wurde zu dreiund-zwanzigjährigem Kerker verurteilt. Die Staatsmänner romanischer Länderunterscheiden sich von den mehr doktrinär angelegten, von des GedankensBlässe angekränkelten deutschen Politikern dadurch, daß sie im Notfälleweder vor Inkonsequenzen noch vor Härte zurückschrecken. Der alteRevolutionär Crispi warf im Winter 1893/94 die aufständische Bewegungin Italien auf der ganzen Linie ebenso entschlossen zu Boden, wie dreiund-zwanzig Jahre früher in Frankreich ein Liberaler par excellence, Thiers,einer der Urheber der Juli-Revolution von 1830, die Pariser Kommune inStrömen von Blut ertränkt hatte und wie während des WeltkriegesClemenceau, Viviani, Briand, Painleve und andere Radikale und So-zialisten in Frankreich den Defaitismus bekämpften, der in Deutschland von Bethmann, Michaelis, Hertling und dem Prinzen Max von Baden mitGlacehandschuhen angefaßt wurde.

Ich bin mit Crispi gut ausgekommen. Er hatte ein starkes Selbst-bewußtsein. Im persönlichen Verkehr war er natürlich, liebenswürdig undbehaglich, was bei dem energischen Mann mit den scharf geschnittenenZügen, den blitzenden Augen und dem buschigen, schneeweißen Schnurr-bart sympathisch wirkte. Crispi war durch und durch Autorität. Er warRealpolitiker. Die Verstiegenheiten, Schrullen und Illusionen, in die manbei uns nur zu leicht verfällt, lagen ihm fern. Seine Bewunderung für denFürsten Bismarck war unbegrenzt. Crispis Andenken wird in Italien nochheute mit Pietät gepflegt. Im derzeitigen Ministerium des Äußern in Rom ,in dem alten Palazzo Chigi, wurde ihm zu Ehren nach dem Weltkrieg eineMarmortafel angebracht, die seinen Patriotismus und seine Entschlossen-heit rühmt. Eine der römischen Hauptstraßen, auf die man aus den Fensternder Villa Malta blickt, trägt seinen Namen.

Der Minister des Äußern, Baron Blanc, war wie Menabrea, Pelloux, Baron Blanc Barral, Launay und manche anderen Männer des modernen Italien Savoyarde von Geburt. Als er zum Baron erhoben wurde, wählte er sichden hübschen Wappenspruch:Savoye indique la voie. In Berlin fandman Blanc zu geschäftig und zu unruhig, und Holstein, der selbst noch vielunruhiger war, klagte über die Aufgeregtheit von Blanc. Gewiß war AlbertoBlanc eine leidenschaftliche Natur, aber seine Leidenschaft galt nicht