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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE EINIGUNG ITALIENS

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persönlichen Rankünen und Eitelkeiten, sondern nur dem Ruhm und derGröße seines Vaterlandes. Er war in jungen Jahren Sekretär des Schöpfersdes modernen Italien, des Grafen Cavour, gewesen. Cavour hatte zweiSekretäre, Artom für die italienische, Blanc für die französische Spracheund Korrespondenz. Cavour seihst beherrschte gleichmäßig beide Sprachen.Blanc erzählte mir mancherlei über die Arbeitsmethode seines Chefs, der sehrspät aufstand, aber dafür von Mitternacht bis zum Morgen zu arbeitenpflegte. Cavour verlangte von seinen Untergebenen gespannte Auf-merksamkeit, unermüdliche Arbeitskraft und unbedingte Diskretion, waraber immer gleichmäßig höflich, nie launisch oder heftig. Blanc glaubtenicht, daß Cavour sein Amt mit der bestimmten Absicht angetreten habe,ein einiges Italien vom Monte Rosa bis zum Kap Passaro möglichst baldins Leben zu rufen. Sein nächstes Ziel sei nur die Befreiung Oberitaliens von der österreichischen Fremdherrschaft gewesen. Als der vonNapoleon III., der nach Solferino die Nerven verloren hatte, übereilt ab-geschlossene Waffenstillstand von Villafranca diesen Plan durchkreuzte,habe Cavour in Toskana, Parma, Modena und in den päpstlichen Le-gationen Aufstände angezettelt und sie benutzt, um diese Gebiete mit demKönigreich Sardinien zu vereinigen, nachdem der piemontesisehe GeneralCialdini im September 1860 die von dem französischen General Lamoriciere geführten päpstlichen Truppen geschlagen hatte.

Blanc gab mir gegenüber wiederholt der Überzeugung Ausdruck, daßCavour die Annexion des Königreichs beider Sizilien wie des PatrimoniumsPetri nicht so bald in Aussicht genommen habe, wie sie später erfolgt sei.Cavour hatte noch im Spätherbst 1860 zu Blanc geäußert, der eigentlicheKirchenstaat und der italienische Süden seien infolge jahrhundertelangerMißwirtschaft der päpstlichen Regierung wie der Bourbonen wirtschaftlichund moralisch so sehr zurückgeblieben, daß es noch zu früh sei, sie mit dembesser verwalteten und erheblich höher stehenden Nord- und Mittel-Italien zu vereinigen. Zu früh mit dem übrigen Italien verschmolzen,würden sie ansteckend und demoralisierend auf den italienischen Gesamt-körper wirken. Die feurige Ungeduld und die Kühnheit von Garibaldinötigten Cavour, weiter zu gehen. So sah auch der größte italienische Staatsmann, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, kaum dreiMonate vor seinem Tode die ganze Halbinsel bis auf Venetien und das Ge-biet um Rom unter dem Szepter seines Königs vereinigt. Am 17. März 1861wurde Viktor Emanuel II. zum König von Italien proklamiert. Am 6. Juni1861 starb Cavour. Glücklicher als Moses, erblickte er das gelobte Land,nach dem seine Seele sich sehnte, noch mit leiblichen Augen. Zu den seinSterbebett umgebenden Freunden meinte er:La cosa va, e lltalia.Ich kann mich noch wohl des Eindruckes er inn ern, den der Tod von Cavour

Camillo

Cavour