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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER ALTE IN BERLIN

einem Influenza-Anfall beglückwünschte. Gleichzeitig überbrachte KunoMoltke eine Einladung zur Teilnahme an der Feier des kaiserlichen Geburts-tags. Fürst Bismarck hatte in seinem Antwortschreiben gebeten, mitRücksicht auf seine geschwächte Gesundheit Seiner Majestät seinenDank vor dem Allerhöchsten Geburtstage persönlich aussprechen zudürfen, eine Bitte, die telegraphisch genehmigt wurde. DerReichs-anzeiger hatte erklärt, daß die Entsendung des Flügeladjutanten Moltkeder eigensten persönlichen Initiative Seiner Majestät entsprungen sei unddaß auch in Regierungskreisen niemand von diesem Entschluß Kenntnisgehabt habe. Das war richtig. Wie mir aus Berlin geschrieben wurde, warin der Tat der Reichskanzler Caprivi von dem Entschluß Seiner Majestätvöllig überrascht worden. Der Staatssekretär Marschall konnte seinenÄrger kaum verbergen. Holstein tobte laut, und Phili Eulenburg seufztestill. Beide, damals noch enge persönliche Freunde und politische Bundes-genossen, telegraphierten mir sogleich, jeder für sich, daß dieseGestedes Kaisers keine politische Bedeutung habe und daß Bismarck Vaterund Sohn nach wie vor politisch ausgeschaltet blieben. Das sollte eineWarnung für mich sein. Die konservative und die nationalliberale Pressebegrüßten den kaiserlichen Schritt zur Versöhnung mit lebhafter Freude,die Freisinnigen erklärten, daß von politischen Folgen dieser Wendungkeine Rede sein könne. Die Sozialisten und Klerikalen benutzten den An-laß zu neuen, zum Teil überaus niedrigen Angriffen gegen den entamtetengroßen Baumeister des Deutschen Reiches .

Am 26. Januar traf Fürst Bismarck am Mittag auf dem Lehrter Bahn-Bismarck im hof in Berlin ein, von dem aus er nach seiner Entlassung nach Friedrichs-Königlichen ru ü abgefahren war. Er wurde am Bahnhof vom Prinzen Heinrich, demSchloß ] 3 ru( ] er des Kaisers, der ihn umarmte und küßte, und dem ehrwürdigenund ruhmreichen Generaloberst von Pape, dem Helden von Saint-Privat,empfangen. Von einer Eskadron Garde-Kürassiere eskortiert, von einer un-absehbaren Menge mit stürmischem Jubel begrüßt, fuhr er nach demKöniglichen Schloß. Hier empfing ihn der Kaiser, hier wurde er auch vonder Kaiserin und den ältesten Söhnen des Kaiserpaares begrüßt. Immerkorrekt in Formfragen, stattete Bismarck der Kaiserin Friedrich einenhalbstündigen Besuch ab. Wieviel hatten die beiden während fast dreiJahrzehnten miteinander erlebt, gegeneinander gearbeitet! Bismarck emp-fing den Ministerpräsidenten Grafen Botho Eulenburg, nach ihm seinentreuen Freund aus großer Zeit, den Generaladjutanten Grafen HeinrichLehndorff und seinen ihm immer treugebliebcnen Kollegen, den Ministerder öffentlichen Arbeiten, Albert von Maybach , der unter ihm das großeWerk der Verstaatlichung der Privatbahnen in vorbildlicher Weise durch-geführt hatte. Caprivi und Marschall mußten sich darauf beschränken, ihre