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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GONDELFAHRT MIT WILHELM II.

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Karten abzugeben. Holstein war während des ganzen Tages nicht ausseinem Zimmer, unmittelbar neben dem Büro des Staatssekretärs, heraus-gekommen, wo er, finster brütend, auf und ab lief, nach seiner Gewohnheit,wenn er erregt war, die Finger weit spreizend und dann wieder zu geballterFaust zusammenziehend. Als ich in Rom meine Rede auf den Kaiser mitden Worten begann, wir könnten in diesem Jahre den Geburtstag SeinerMajestät mit besonderer Freude feiern, nachdem unser Kaiser dem großenDiener seines Großvaters, dem größten Deutschen, die Hand zur Versöhnunggereicht habe, unterbrach mich ein solcher Jubel, daß ich eine Pause machenmußte. Diese Stunde legte den Grund zu den herzlichen und innigen Be-ziehungen, die, wie schon in Bukarest so auch in Rom , mich mit meinendeutschen Landsleuten verbanden.

Ende März 1894 ließ Seine Majestät der Kaiser mir telegraphieren, daßes ihn ungemein freuen würde, den König Humbert wiederzusehen. Als Der KaiserOrt der Begegnung schlug der Kaiser das von ihm besonders geliebte ' ra VenedigVenedig vor, wohin er sich von Abbazia aus begeben wollte, wo er vorhereinige Zeit Aufenthalt nehmen würde. Es war die für Wilhelm II. so glück-liche Zeit, wo er noch ganz seiner Passion für Reisen leben konnte. DenReise-Kaiser hatte ihn, im Gegensatz zu seinem kranken Vater, demleisen Kaiser, und seinem Großvater, demweisen Kaiser , der BerlinerHumor getauft. Ich konnte umgehend das Einverständnis des Königs vonItalien melden. Die Souveräne verbrachten drei Tage, den 7., 8. und9. April, in Venedig. Der Kaiser traf in der Lagunenstadt auf einer eng-lischen Segel-Jacht ein. Daß er so gern auf englischen Schiffen fuhr,ärgerte die deutschen Seeleute. Er rechtfertigte es damit, daß er als eng-lischer Real Admiral of the Fleet das Recht und sogar die Pflicht habe, aufenglischen Schiffen die Meere zu durchqueren. In der Begleitung SeinerMajestät befanden sich nur die drei diensttuenden Adjutanten und PhilippEulenburg, der kurz vorher das Ziel seiner damaligen Wünsche, den WienerBotschafter-Posten, erreicht hatte, wo Prinz Reuß ihm weichen mußte.

Die Begegnung von Venedig verlief gut. Wilhelm II. gab sich natürlich undeinfach, und wenn er das tat, war er bezaubernd. Am Abend seiner Ankunftwurden ihm auf dem Markusplatz von einer großen Volksmenge en-thusiastische Huldigungen dargebracht. Am nächsten Tage schlug mir derKaiser, nachdem er eine Stunde im Gespräch mit König Humbert ver-bracht hatte, eine Gondelfahrt zu zweien nach dem stimmungsvollenFriedhof San Michele vor. Es entspann sich zwischen uns der nachstehendeDialog, über den ich mir, da es meine erste dienstliche Unterredung mit UnterredungWilhelm II. war, alsbald eine Notiz machte. mit Dülow

Der Kaiser:Ich bin berauscht von dem mir bereiteten großartigenEmpfang. Ich habe nie einen ähnlichen Empfang gefunden, einen solchen

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