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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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.AVIS AU LECTEUR

Enthusiasmus gesehen! Nun heißt es oft, den Italienern sei politisch nichtzu trauen. Was halten Sie davon?

Ich:In der Politik gibt es kein unbeschränktes, kein absolutes Ver-trauen. Den Italienern ist ebensogut, ebensoviel und ebensowenig zutrauen wie den Russen, Engländern, Franzosen, wie allen anderen Völkern.Unter den Großmächten geht es nicht so zu wie im Regimentskasino unterKameraden. Es wird von unserer Politik abhängen, wie sich Italien zuuns stellt.

Der Kaiser:Die Italiener haben 1870 die Franzosen im Stich gelassen,mit denen sie vorher einen Vertrag abgeschlossen hatten. Würden sie dasmit uns ebenso machen?

Ich:Als die Franzosen 1870 mit Gramont und Ollivier ungeschickt undblind in den Krieg stolperten, haben die Italiener das benutzt, um sichvon ihrer Allianz mit den Franzosen loszulösen. Wenn wir eine Dummheitmachen sollten, wird es uns ebenso ergehen. Francesco Guicciardini , deritalienische Historiker, der sich schon in jungen Jahren in seiner Vater-stadt Florenz einen großen Ruf als Rechtslehrer erworben hatte und späterden Päpsten Leo X., Clemens VII. und Paul III. als Diplomat gute Diensteleistete, schreibt in seiner Istoria dItalia: ,Pregate Dio di trovarvi sempredove si vince. (Bittet Gott , daß ihr euch immer auf der Seite befindet, woman siegt.) Der Vater des modernen Italien, Graf Camillo Cavour , nanntedie Istoria dItalia seine politische Bibel. Ich darf auch an das erinnern,was Fürst Bismarck in seiner letzten großen Rede am 6. Februar 1888 überNatur und Wert von Allianzen gesagt hat.

Der Kaiser (der nicht liebte, an Bismarck erinnert zu werden, mit Stim-runzeln):Das soll wohl ein Avis au lecteur für mich sein ? Nun, ich nehmees Ihnen nicht übel, aber seien Sie sicher, daß ich keine Dummheitenmachen werde. Was halten Sie von König Humbert? Mir ist er ungemeinsympathisch. Was halten Sie von der Königin Margherita? Ich schwärmefür sie.

Ich:König Humbert ist eine durch und durch vornehme Natur. JederZoll ein Ritter: Furchtlos, großzügig, freigebig. Die Königin hat kein anderesInteresse als den Ruhm und die Ehre ihres Landes und ihres Hauses. Sieverkörpert sozusagen die italienische Staatsräson, und das mit Geistund Grazie.

Der Kaiser:Halten Sie die Königin für unsere Freundin?

Ich:So lange sie diese Freundschaft mit den italienischen Staats-interessen für vereinbar hält ja.

Der Kaiser besuchte mit mir die Gräfin Annina Morosini, die er einGräfin Jahr vorher, als er sie in Rom kennenlernte, die schönste Frau ItaliensMorosini genannt hatte. Sie bewohnte in Venedig ein historisches Palais, die