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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ITALIEN UND FRANKREICH

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Doro, den zierlichsten venezianischen Palazzo gotischen Stils. Die Be-wunderung des Kaisers für die Gräfin war allgemein bekannt. Aber nichtswäre irriger, als zu glauben, daß ihr Wilhelm II. den Hof gemacht habein dem Sinne, wie dies die böse Welt versteht. Die Gräfin hat mir selbsterzählt, daß, wenn sie allein mit dem Kaiser war, die Unterhaltung sichhauptsächlich um die herrliche Erscheinung seiner Gemahlin, der Kaiserin,drehte und um die Vorzüge seiner sieben Kinder. Und sie sagte mir sicher-lich die Wahrheit. Der Kaiser hatte der schönen Venezianerin ein NeuesTestament in italienischer Übersetzung geschenkt und sie mit rührendemEifer ermahnt, jeden Abend vor dem Einschlafen darin zu lesen. AllesFrivole lag Wilhelm II. ganz fern. Zu mir war er in jenen Tagen von großerLiebenswürdigkeit. Es machte ihm Freude, mir persönlich den Stern zumRoten Adlerorden zu übergeben mit den humoristischen Worten:Das istnur ein kleiner Anfang. Es wird noch viel mehr dahinter kommen.

Vierzehn Tage nach der Begegnung von Venedig hörte ich aus guterQuelle, daß Crispi und Blanc während der Zusammenkunft der Souveräneden Finanzminister Boselli, wegen seiner kleinen FigurBosellino ge-nannt, zum französischen Botschafter gesandt hätten, um ihm zu sagen,daß die Entrevue mit dem Deutschen Kaiser keinerlei Spitze gegen Frank-reich trage. Die Liebe der Italiener für Frankreich , die lateinische Schwester,die Alliierte von Magenta und Solferino, sei und bleibe die alte. Fast vier-hundert Jahre früher hatte Papst Clemens VII. , ein Sohn des klugenHauses Medici, an seinen Nunzius in Wien schreiben lassen, ein Staats-mann müsse, wie ein Schiffer, mehr als einen Anker bereit halten. WennÖsterreich siege, wolle der Papst in Wien ankern,aber nie zu fest. WennFrankreich die Oberhand gewinnen sollte, werde der Pontifex mit den Fran-zosen gehen. Boselli lebt noch. Er hat seitdem verschiedene Ressorts ver-waltet, gewissenhaft und geschickt. Er hat manche Wandlung der italie-nischen Politik erlebt und mit Würde mitgemacht. Bei feierlichen Gelegen-heiten w r urden ihm gern Ansprachen an den König und die Redaktionöffentlicher Kundgebungen übertragen. Er unterzieht sich solchen Auf-gaben mit bemerkenswertem Takt.

Der italienische Hof war gut gehalten. Der König verfügte in Rom undin Turin, in Florenz und in Neapel, in Venedig, Mailand und Palermo überPaläste, die zu den schönsten der Welt gehören. Die Hofhaltung war vor-nehm und glänzend. Die Hofleute waren liebenswürdig, in keiner Weisesteif oder gar überheblich. Sie waren ohne jeden politischen Einfluß. SeitCavour wurde streng darüber gewacht, daß die Hofleute sich auf ihrehöfischen Funktionen beschränkten. Der Souverän durfte auch keineFreunde haben, keine unverantwortlichen Ratgeber. Ein Phili Eulenburg,ein Max Fürstenberg , die als persönliche Freunde des Monarchen einen

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Der HofstaatHumberts