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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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KEINE ANTICHAMBRE

erheblichen Einfluß ausübten, ohne imstande zu sein, vor der Volks-vertretung Rede und Antwort zu stehen, ohne die Kenntnisse, die Arbeits-kraft und die Gewissenhaftigkeit zu besitzen, die erforderlich sind, um einministerielles Ressort leiten zu können, wären in Italien nicht denkbargewesen. Cavour hat, als eine Hofdame vor ihm über die vielen Nachteiledes parlamentarischen Systems geklagt hatte, ihr geantwortet: ,,La plusmauvaise chambre vaut mieux que lantichambre. Der erste General-adjutant des Königs Humbert, der General Ponzio Vaglia, war einschlichter, tüchtiger Soldat, seinem Herrn absolut ergeben, ohne jedepolitische Ambition. Er erzählte mir gelegentlich, daß er den König Hum-bert einmal auf einer Reise durch die Romagna begleitet habe, wo seitjeher radikale Tendenzen stark vertreten waren, sozialistische wie republi-kanische. Als sie in Forli eintrafen, forderte der König den General PonzioVaglia auf, sich in einen andern Wagen zu setzen, da er den Sindaco vonDer König Forli, Herrn Fortis, zu sich in den Wagen nehmen wolle. Fortis war da-und der ma l 8 einer der Führer der Radikalen in der Romagna, er gab sich alsRadikale Republikaner Nach seiner Aussprache mit seinem Souverän wurde erUnterslaatssekretär. Alessaudro Fortis hat es später zum Minister und 1906sogar zum Ministerpräsidenten gebracht. Wenn ich mich nicht irre, hat ermich als solcher in Berlin besucht. Als Botschafter in Rom habe ich mich oftmit ihm unterhalten. Er war ein gewandter und aufgeweckter Politiker, inkeiner Weise verbohrter Prinzipienreiter. Es ließ sich gut mit ihm reden.Er ist bald nach meinem Rücktritt vom Reichskanzleramt im Dezember 1909in Rom gestorben. Alle italienischen Politiker rühmten mir die Feinheitund Vorurteilslosigkeit, mit der es das Haus Savoyen seit jeher verstandenhabe, sich den Umständen anzupassen, mit dem richtigen, dem ihmgünstigen Wind zu segeln, aus jeder Lage das Mögliche herauszuholenund das Beste zu machen und auf diese Weise für Dynastie und Mon-archie Anhänger zu werben und Kräfte zu gewinnen. So habe ViktorEmanuel II. Garibaldi, so habe er Depretis, Nicotera, Crispi, Zanardellider Monarchie zugeführt und selbst mit Mazzini eine gewisse Fühlung ge-halten. König Humbert hielt an dieser Tradition und Taktik fest.

Die Stellung des Palast-Präfekten entsprach der Stellung, die am Berliner Hofchargen Hof der Oberhofmarschall einnahm. Der Oberstallmeister Corsini gehörteeiner großen Familie an, aus der Papst Clemens III. hervorgegangen war,dem der Versuch mißlang, die griechische Kirche wieder mit der römischenzu vereinigen, der dafür aber den Palazzo Corsini erbaute und dessen herr-lichen Garten anlegte. Als ich im Winter 1874/75 zum erstenmal in Rom weilte, war dieser Garten noch nicht dem Publikum geöffnet. Als ich 1894als Botschafter nach Rom zurückkehrte, suchte ich bei meiner erstenSpazierfahrt mit meiner Schwiegermutter die Passegiata Margherita auf,