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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE DEKORIERTE SCHILDWACHE

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Kaiser Wilhelm II. war überzeugt, daß die eigene, zweifellos große Be-gabung, verbunden mit der Eingebung und Hilfe von oben, ihn instandsetzte, alles zu kennen und alles zu können.

Bald nachdem Kaiser Wilhelm II. uns durch einen längeren Vortragüber die Lehre vom Leben, insbesondere über Zoologie, mit Bewunderungerfüllt batte, entsetzte er den guten Dobrn und mißfiel mir in hohem Grade,indem er uns erklärte, daß er grundsätzlich jede Schildwache dekoriere,die den Passanten, der auf Anruf nicht gleich stillstehe, sofort niederschieße.Solche Auslassungen, deren ich später noch manche ähnliche gehört habe,waren nicht der Ausfluß einer grausamen Natur. Wilhelm II. hatte garnichts von einem Nero oder von Dionys, dem Tyrannen von Syrakus , zudem Dämon schlich, den Dolch im Gewände. Er war vielmehr im Verkehrdas, was man so einen guten Kerl nennt. Solche Exzesse in Worten warenauch nicht ein Zeichen jener Brutalität, die Peter dem Großen, die KaiserNikolaus I., die dem großen Napoleon vorgeworfen werden konnte, wo sieder Ausdruck gewaltiger, abnormer Energie waren. Bei Wilhelm II. warensie das Symptom einer neurasthenischen Natur. Es fehlte Wilhelm II. wiean ruhigem Mut so auch an wirklicher Kraft. Er suchte deshalb durchWorte und Gesten den Eindruck eines Heros zu erwecken. Dabei vergriffer sich nicht selten in den Mitteln.

Nachdem er die Zoologische Station in Neapel besichtigt hatte, bestiegder Kaiser, begleitet von mir und einigen Herren, den Vesuv . In seinenhübschen Memoiren erzählt Graf Beugnot, daß er im Frühjahr 1813,damals leitender Minister des von Napoleon kreierten GroßherzogtumsBerg, mit dem Kaiser und dem Präfekten von Mainz , einem früherenConventionnel, der Jean-Bon Saint-Andre hieß, eine Kahnfahrt bei Biebrich unternommen habe. Während der Fahrt habe Napoleon , in Gedankenversunken, ins Wasser geblickt. Außer dem Kaiser, dem Präfekten undBeugnot war niemand in dem Kahn. Da sagte der Konvents-Deputierte,über den der Geist von 1793 kam, der Geist der Terreur, leise zu Beugnot:Quelle etrange position! Le sort du monde depend dun coup de pied deplus ou de moins. Als die Kahnfahrt zu Ende war, machte Beugnot demPräfekten Vorwürfe über seine Boutade:Savez vous que vous mavezfurieusement effraye?! Vous etes un insense! Der alte Terrorist ant-wortete:Et vous un imbecile. Tenez-vous pour dit que nous pleureronsdes larmes de sang que cette promenade de lEmpereur nait pas ete lademiere. Als wir mit Wilhelm II. vor dem Krater des Vesuv standen, ausdem heiße Dämpfe und Gase aufstiegen, hörte ich einen der Herren seinemNachbarn zuflüstern:Wenn dieser liebenswürdige, charmante Mensch,aber inkohärente und höchst gefährliche Regent jetzt einen Schwindelanfallbekäme und in den Krater fiele, wie wären wohl die Folgen?

Am Kraterdes Vesuv