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DIE DISPUTATION MIT DEM KARDINAL
Wilhelm II. war novarum rerum cupidus wie nur irgendein Gallier zuBeim Cäsars Zeit. Namentlich in seiner Jugend verlangte er nach immer neuenErzbischof Impressionen. Als ihm erzählt worden war, daß sich der Erzbischof vonvon Neapel ]\f ea p e l^ ,j er Kardinal Sanfelice, großer Beliebtheit erfreue, wollte er ihnkennenlernen. Einen Besuch beim Erzbischof, den ich ihm vorschlug, er-klärte er für einen zu weit gehenden Schritt. Er sprach den Wunsch aus,daß die Begegnung im Kloster Camaldoli stattfinden möge, von dem er imBaedeker gelesen hatte, daß man von dort eine prächtige Aussicht genieße.Das war richtig. Wenige Aussichten sind mit dem Rundblick zu ver-gleichen, der vom Garten des Klosters die Buchten von Neapel und Poz-zuoli, den Golf von Gaeta, das volkreiche Neapel, den rauchenden Gipfeldes Vesuv, den Posilipo und Capo Miseno, Procida und Ischia, Bajä undCumä, Capri, Sorrento und Castellamare umfaßt. Die Kaiserin wäre gernauf der „Hohenzollern“ geblieben, teils, weil sie müde war, teils, weil siezwar, immer korrekt, römische Prälaten mit Courtoisie behandelte, dieseHerren ihr aber doch etwas unheimlich waren. Wilhelm II. duldete jedochbei seiner Frau keinen Widerspruch. Ihre Majestät mußte mit. Am Eingangdes Klosters erwartete uns der Kardinal. Nachdem wir wieder und immerwieder die Aussicht bewundert und gemeinsam die Allmacht Gottes ge-priesen hatten, der diesen Erdstrich so reich segnete, verlangte es denKaiser, ein eingehendes und ernstes Gespräch mit dem Kardinal zu führen.Da der Kaiser nicht Italienisch sprach, während der Kardinal nur seineMuttersprache beherrschte, mußte ich als Dolmetscher fungieren. DerKaiser stellte eine Reihe von Fragen, die der Kardinal taktvoll und klugbeantwortete. Plötzlich rief der Kaiser, zu mir gewandt: „Fragen Sie ihn,ob er glaubt, daß die Protestanten in den Himmel kommen.“ Ich erwiderte,daß es besser sei, diese Frage nicht an den Erzbischof von Neapel zu richten.Der Kaiser insistierte. Ich blieb bei meinem Widerspruch. Der Kardinal,der unser Zwiegespräch nicht verstand, aber merkte, daß ich eine vonSeiner Majestät gestellte Frage nicht weitergeben wollte, erklärte sichlächelnd bereit, die kaiserliche Wißbegierde in jeder Richtung zu befriedi-gen. So blieb mir nichts übrig, als Seine Eminenz zu fragen, ob nach seinerAnsicht auch Protestanten die Wonnen des Paradieses zuteil werdenwürden. Der Kardinal sann einen Augenblick nach. Dann meinte er: „Lamisericordia divina e infinita.“ (Die göttliche Barmherzigkeit hat keineGrenzen.) Der Kaiser war zufrieden und der Kardinal auch. Der Kardinalschenkte mir zur Erinnerung an die Zusammenkunft von Camaldoli seinBild, das ich vor mir stehen habe. Es erinnert mich an einen gütigen undweisen, feinen und weltkundigen Kirchenfürsten, der mit derselben Klug-heit, mit der er die verfängliche Frage des Kaisers Wilhelm II. beant-wortete, es verstand, das volle Vertrauen der Kurie zu bewahren, dabei