MARSCHALL SOLL FORT
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liegend, unter dem Kopf zwei Kissen, die ihm seine liebevolle Mutter, voneiner zum Besuch bei ihr weilenden Schwester unterstützt, untergelegthatte, die Beine eingewickelt in dicke Decken, setzte er mir auseinander,daß er völlig unter dem Eindruck eines vor einigen Tagen erhaltenenkaiserlichen Briefes stehe. Der Kaiser hatte ihm, in aufgeregtem Ton, inzerhackten Sätzen, mit zahllosen Ausrufungszeichen, geschrieben, daß eres mit dem Staatssekretär Marschall nicht länger aushalte. Marschallhabe ihn „verraten“. Er stecke mit den Schwarzen und mit den Rotenunter einer Decke. Marschall müsse fort, sobald als möglich, wenn er, derKaiser, nicht moralisch und gesundheitlich zugrunde gehen solle. DaßMarschall nicht länger bleiben dürfe, sei auch die Überzeugung des Reichs-kanzlers Hohenlohe. „Der richtige Nachfolger für Marschall ist BernhardBülow, von dem mein Onkel Chlodwig Hohenlohe mir wiederholt gesagthat, der wäre der beste Kopf in unserer Diplomatie.“ Fürst Chlodwig Hohen-lohe war nach dem gleichzeitigen Ausscheiden des Reichskanzlers Caprivi und des preußischen Ministerpräsidenten Botho Eulenburg am 26. Oktober1894 deutscher Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident ge-worden.
Philipp Eulenburg setzte mir in Meran während drei Tagen mit seinenvielseitigen Überredungskünsten und seinem auskunftsreichen Geist aus-einander, daß es meine Pflicht gegenüber dem Kaiser und dem Lande sei,die Nachfolge Marschalls nicht auszuschlagen. Ich antwortete ihm, daßich an und für sich lieber in Rom bliebe. Von den Wünschen meiner Frauwolle ich gar nicht reden, der es schwerfallen würde, sich von ihrer Mutterzu trennen. Selbstverständlich kämen solche persönlichen Erwägungengegenüber dem Interesse des Dienstes nicht in Frage. Aber auch dienstlichkönnte ich mich, wie ich glaube, in Rom nützlicher machen als in Berlin .Die politischen Schwierigkeiten des mir zugedachten Postens erschrecktenmich nicht, obwohl ich parlamentarisch ein völliger Neuling sei und,abgesehen von einem Plädoyer als Metzer Referendar vor dreiundzwanzigJahren und gelegentlichen Toasten bei Kaisers Geburtstag, nie öffentlichgesprochen hätte. „Aber werde ich auf die Länge mit dem Kaiser aus-kommen? Nur eines: Der Kaiser steht ä couteaux tires mit dem FürstenBismarck , mich aber wird nichts abhalten, auch öffentlich meiner Ver-ehrung und Bewunderung für Bismarck Ausdruck zu geben. Ich würde,wenn ich Minister werden sollte, so bald wie möglich dem Fürsten Bismarckmeine Aufwartung machen. Ich würde auch mit Herbert weiter in der bis-herigen freundschaftlichen und herzlichen Weise verkehren.“ Phili, derseit der Krisis von 1890 mit Herbert ganz überworfen und auch bei dessengroßem Vater sehr schlecht angeschrieben war, schnitt ein Gesicht. Erbemühte sich, mir zu beweisen, daß, wenn ich Minister würde, es meine
Die NachfolgeMarschalls