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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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JÜRG JENATSCH'

Pflicht gegenüber dem König wäre, dessen Gegner und Feinde als meineeigenen zu betrachten und zu behandeln, und König Wilhelm II. habezur Zeit keine gefährlicheren und dabei ruchloseren Feinde als den FürstenBismarck, denbösen alten Mann, und dessen Sohn, dengräß-lichen Herbert. Die abscheulichen hoch- und landesverräterischen Ent-hüllungen derHamburger Nachrichten über den perfiden Rückversiche-rungsvertrag hätten begreiflicherweise den berechtigten Zorn Seiner Majestätnoch erhöht. Als ich fest blieb, meinte Eulenburg schließlich seufzend:Der Kaiser ist so sehr auf dich versessen, daß er selbst deinen mir ja auchim höchsten Grade antipathischen Bismarck -Kultus schlucken wird.Dieses Hinundherreden dauerte vom Morgen bis zum Abend, nurunterbrochen durch das Vorlesen einiger nordischer Balladen, die Phili inder letzten Zeit gedichtet hatte. Ich habe immer die Gewohnheit gehabt,bei bewegter Gemütsstimmung nach einem guten Buch zu greifen, ummeine Gedanken abzulenken und, wie Homer das nennt, der Seele Unruhezu zerstreuen. Als ich einundzwanzig Jahre vorher in Florenz nach dem,was mir mein Chef, Herr von Keudell, über die Abneigung der Kron-prinzessin gegen meinen Vater und gegen mich mitgeteilt hatte, mit jugend-licher Impressionabilität an meiner diplomatischen Zukunft zweifelte,hatte ich nach Balzac gegriffen. Ich habe später, während der langen undschwierigen Zolltarifdiskussionen, mich abends in Lamartines etwas zulyrische, aber doch packendeHistoire des Girondins vertieft. Die tra-gische Größe der Revolutionsgestalten, der Vergniaud, Danton , Saint-Just, tröstete mich über die lederne Spießbürgerlichkeit der Philister, mitdenen ich um Zolltarifpositionen zu feilschen hatte. In Meran las ich jetztJürg Jenatsch von Conrad Ferdinand Meyer . Der mit meisterhafterPsychologie geschriebene Roman des großen Schweizers, einer der bestenRomane der an guten Romanen bis heute nicht reichen deutschen Literatur,hob mich über die Schwierigkeiten des Augenblicks, stärkte meinen Mut,mich in eine neue Welt zu wagen, ihr Weh, ihr Glück zu tragen, undschärfte auch mein Verständnis für die Beweggründe, von denen sichPhili leiten ließ. Er war herzlich erfreut gewesen, als der damals innig mitihm befreundete Holstein meine Versetzung nach Rom durchgesetzt hatte,teils aus wirklicher Freundschaft für mich, teils weil ich ihm als Pacemakerfür Wien dienen sollte. Mit meinem Aufstieg zum Reichskanzler war erspäter viel weniger einverstanden. Hohenlohe-Langenburg wäre ihm alsReichskanzler lieber gewesen, schon weil in diesem Falle Straßburg für ihnfrei geworden wäre. Meine Ernennung zum Staatssekretär hat Eulenburgmit jedem denkbaren Nachdruck betrieben. Gerade an dieser Stelle wollteer einen Freund haben, jedenfalls keinen Feind. Marschall war ihm per-sönlich nicht besonders sympathisch, doch würde er sich, wie sein Kumpan