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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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BÜLOW ZÖGERT, NACH BERLIN ZU GEHEN

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Holstein, mit dem vorläufigen Bleiben des bisherigen Staatssekretärsschließlich abgefunden haben. Aber die ebenso plötzliche wie heftigeAversion des Kaisers schloß diesen Ausweg für Phili aus, der gerade inPersonalfragen Seiner Majestät nur ungern entgegentrat. Alle, die außermir etwa noch in Frage kommen konnten, also Alvensleben, Rotenhan,Richthofen, Monts, Kiderlen, Derenthall, waren Phili unbekannt oder un-sympathisch. Vor einer Rückkehr von Herbert Bismarck fürchtete er sichwie der Teufel vor dem Weihwasser. Selbst den Posten des Staatssekretärszu übernehmen, fühlte er sich ganz außerstande, da er weder die Arbeits-kraft und die Kenntnisse hatte, dieses Ressort zu leiten, noch die Nerven, umvor den Reichstag zu treten.

Als ich mich in Meran von Phili trennte, war noch alles unentschieden.Er hielt an der Hoffnung fest, mich umzustimmen. Ich blieb bei meinemWiderstand. Während der nächsten Wochen folgte eine ziemlich unerfreu-liche Korrespondenz zwischen Eulenburg, Holstein und mir. Ich war inkeiner Weise das Ideal von Holstein. Er hätte am liebsten Marschall be-halten, der, als Neuling in der auswärtigen Politik, ohne Kenntnis des Aus-landes, ohne diplomatische Erfahrung und damals noch ohne diplomatischeFormen, leicht zu lenken war. Aber Holstein wußte, daß Wilhelm II. Marschall durchaus los sein wollte und daß bei dem Eigensinn SeinerMajestät in Personalfragen dieser Widerstand kaum zu überwinden war.Kiderlen lehnte Holstein ab, obwohl dieser, seitdem sie gemeinsam Bis-marck verraten hatten, vor der Welt als der treueste Knappe von Holsteingalt. Monts lehnte Holstein erst recht ab, da er ebenso plump und taktlossei wie Kiderlen und dabei, im Gegensatz zu diesem, kein politischerKopf. Kiderlen hatte übrigens selbst keine Lust, Staatssekretär zu werden.Er wußte, daß er dem Kaiser unsympathisch geworden war, und erwidertediese Gefühle Seiner Majestät mit ebenso gründlicher Abneigung. Mitschwäbischem Humor ließ er mich wissen, daß das Zusammensein mit un-serm allergnädigsten Herrn, bei dem er nun schon seit mehreren Jahrenals Vertreter des Auswärtigen Amtes während der Reisen Seiner Majestätfungierte, ihm zum Halse heraushänge. Er würde viel lieber einen Postenim Auslande übernehmen. Anders Monts, damals Gesandter in München .Der richtete einen in sehr devotem, fast kriechendem Tone gehaltenenBrief an mich, in dem er mir auseinandersetzte, daß ichnatürlich derweitaus beste Nachfolger desendlich an seiner Unfähigkeit gescheitertenMarschall sein würde. Wenn ich aber, was er durchaus begriffe, lieber inRom bliebe, und sofern ich ihm mein Vertrauen zuwendete und meinen Ratnicht vorenthielte, würde er, gehoben durch solches Vertrauen und er-leuchtet durch meine Ratschläge, mutig den Posten des Staatssekretärsübernehmen.

Korrespon-denz zwischenEulenburg ,Holstein undJliilow