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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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KRITIK AM KAISER

In Venedig hatte ich im April 1897 nochmals eine Begegnung mitNochmals Phili Eulenburg. Er war von seiner Mutter begleitet. Da Phili ungern ging,Begegnung fuhren wir ä trois in einer Gondel durch die Kanäle der zauberhaften undmit Eulenburg me i anc holischen Stadt. Die Mutter unterstützte die Vorstellungen ihresSohnes und erklärte, es sei meine Pflicht, als guter Preuße mich dem Rufdes Königs nicht zu verweigern. Ich entwickelte immer wieder und mitsteigendem Nachdruck die Gründe, aus denen ich nicht glaubte, in the longrun mit Seiner Majestät auskommen zu können. Ich hob noch einmal undmit noch größerer Schärfe unsere verschiedenartige Stellung zu Bismarckhervor. Hiervon abgesehen, dächte ich in der innern wie in der äußernPolitik in vielen Punkten anders als unser Kaiser. In der äußern Politikbrauchten wir vor allem Stetigkeit. Nachdem wir den BismarckschenDraht, der uns mit Rußland verbunden, leider zerschnitten hätten, dürftenwir uns nicht von England gegen Rußland vorschieben lassen. Wir dürftenaber ebensowenig für die Russen die Kastanien aus dem englischen Feuerholen. Wir müßten vorläufig unsere selbständige Stellung behaupten undzu Rußland wie zu England gute Beziehungen aufrechterhalten. Der Kaiseraber neige heute zu Rußland und morgen zu England und immer mitIllusionen und Übertreibungen undVolldampf voraus. In der innernPolitik sei ich gewiß für eine starke Monarchie, wie das den preußischenTraditionen und dem Wohl des Reiches entspreche. Aber fortgesetzte Ein-mischung des Kaisers in den Gang der Geschäfte hielte ich für ein Übel,schon weil der Kaiser im Grunde nicht viel von Politik verstünde. Er habebisweilen ganz nette Einfälle, aber er besitze nicht die Nüchternheit, Ruheund Stetigkeit, die für die Leitung der Politik eines großen Reiches un-entbehrlich seien. Er kenne nicht das Ausland. Er sei überhaupt keinMenschenkenner. Er sei geneigt, seine Phantasien für Realitäten zu nehmenund das, was er wünsche, als tatsächlichen Faktor in Rechnung zu stellen.Mit einer englischen Wendung gab ich der Meinung Ausdruck, daß Wil-helm II. nur zu oftin a fools paradise lebe. Die allzuvielen, oft geistvollen,meist oratorisch gelungenen, aber nicht immer vorsichtigen, auch nichtimmer logischen, bisweilen taktlosen, zum Teil geradezu exzentrischenReden des Kaisers schadeten uns nach außen wie im Innern. Und endlichhielte ich im Gegensatz zu dem neuerdings freihändlerisch angehauchtenMonarchen einen ausgiebigeren Schutz der deutschen Landwirtschaft fürunerläßlich.

Phili widersprach mir nicht direkt, er erklärte sogar, in manchenPunkten meine Ansicht zu teilen. Aber ich fühlte, daß ich ihn nichtwirklich überzeugte und daß er meine Berufung nach Berlin nicht nur fürwünschenswert, sondern als absolut notwendig ansah. Er sei übrigensüberzeugt, führte er in unserm Gespräch mehrfach aus, daß ich sehr gut