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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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MARINE-FORDERUNGEN

Hollmannund Tirpitz

Zwei Kreuzervom Reichs-tag abgelehnt

zwei Landsleute, zwei Admiräle, die, im übrigen sehr voneinander ver-schieden, mir beide von der Frage sprachen, die im Mittelpunkt unsererinneren Politik stand und die, wie ich mir nicht verhehlte, auch außen-politisch sehr bedeutungsvoll war, der Flottenfrage. Zuerst erschien imPalazzo Caffarelli der amtierende Staatssekretär des Reichsmarineamts,Friedrich Hollmann , damals fünfundfünfzig Jahre alt. Der Kaisernannte ihnHollmännchen, und er hatte, obwohl er sich schon als jungerOffizier 1870 auf derGrille im Gefecht von Hiddensee brav gehaltenhatte, in seiner ganzen Art etwas Skurriles, etwas von der Art jener Leute,die in einem Regiment, einem Korps, einem Klub zwar allgemein beliebtsind, aber nicht ganz ernst genommen werden. Ganz anders der um siebenJahre jüngere, in meinem Alter stehende Mann, der bald an seine Stelletreten sollte: Alfred Tirpitz. An ihm war alles ernst und gründlich,fest und schwer. Ein Willensmensch! Wenn Hollmann einen freundlichenund gemütlichen Eindruck machte, so sprach aus Tirpitz verhaltene Leiden-schaft, ein starker Ehrgeiz, die Fähigkeit, zu hassen, die Lust am Kampf.

Im März 1897 hatte die Budget-Kommission des Reichstages an allenMarine-Forderungen erhebliche Abstriche vorgenommen. Am 18. März1897, genau neunundvierzig Jahre nach dem Berliner Revolutionsspukvon 1848, hatte im Plenum des Reichstages die zweite Lesung des Marine-Etats stattgefunden. Umsonst waren der Kanzler Hohenlohe in einerkurzen, verständigen, aber nach seiner Gewohnheit von kleinen Zettelchenmühsam abgelesenen Rede, der Staatssekretär Marschall in langen undbreiten Ausführungen für die vom Reichsmarineamt geforderten zweiKreuzer eingetreten. Umsonst war der damalige Staatssekretär des Reichs-schatzamtes, der spätere Staatssekretär des Reichsamtes des Innern,Graf Posadowsky, den Bedenken entgegengetreten, die Eugen Richter vom finanziellen Standpunkt aus gegen die Bewilligung der zwei ge-forderten Kreuzer erhoben hatte. Die beiden Kreuzer wurden mit zwei-hundertundvier Stimmen des Zentrums, der Freisinnigen, der Sozial-demokraten, Polen , Welfen und Elsässer gegen einhundertunddreiund-vierzig Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen abgelehnt.Admiral Hollmann ließ mir bei seinem Besuch in Rom keinen Zweifeldarüber, daß er eine Verstärkung unserer Flotte nicht nur für wünschens-wert, sondern im Hinblick auf die fortschreitende Entwicklung unseresüberseeischen Handels für notwendig hielte. Eine solche Verstärkung imReichstag durchzusetzen, sei aber angesichts des Widerspruchs des Zen-trums, der Freisinnigen und der Sozialdemokraten völlig ausgeschlossen,zumal selbst die Konservativen und namentlich die extremen Agrarier inder Konservativen Partei innerlich allen Flottenplänen kühl, wenn nichtablehnend gegenüberstünden.Lassen Sie sich nicht nach Berlin locken,