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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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689
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ENTSCHEIDUNG

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sagte mir Hollmännchen, während wir, mit dem Blick auf das ForumRomanum, auf der Terrasse des Palazzo Caffarelli auf und ab gingen.Hier in Rom haben Sie es so gut. In Berlin würden Sie einem Fiasko ent-gegengehen. Keiner wird dem Kaiser seine Flottenwünsche durchsetzen,auch Sie nicht, Herr Botschafter, an den ja unser allergnädigster Herr alsNachfolger für den ganz verbrauchten Marschall denken soll. Fallen Siedarauf nicht herein. Ich rate Ihnen gut. Tirpitz sprach optimistischer.Unter den Gebildeten in Deutschland , in den Kreisen der Industrie unddes Handels, auch unter den Gelehrten, bei allen Intellektuellen herrscheVerständnis für die Notwendigkeit deutscher Seegeltung. Er frug michaber, ob ich im Reichstag würde reden können. Das wäre sehr wünschens-wert, denn der Kanzler Hohenlohe sei kein Redner, und er selbst könnesich schon wegen seiner schwachen Stimmittel und einer gewissen Be-fangenheit nicht als einen solchen bezeichnen. Ich antwortete, ich hätte esnoch nicht versucht. Im übrigen liege nach meiner Ansicht die Haupt-schwierigkeit der Flottenfrage gar nicht im Reichstag. Ich sähe sie weitmehr in der Eifersucht und Beunruhigung, die eine stärkere, eine tüchtige,große deutsche Flotte in England hervorrufen würde, das ohnehin aufunsere schnellen, vielleicht allzu schnellen Fortschritte in Handel, In-dustrie und Schiffahrt täglich eifersüchtiger werde.

Inzwischen wurde die Stellung des Staatssekretärs Marschall immerunhaltbarer. Die Konservative Partei, auf deren Bänken er einst alsAbgeordneter gesessen hatte, verfolgte ihn alsAbtrünnigen mit ihrerbesonderen Abneigung. Der grollende Titan in Friedrichsruh ließ ihn in denihm nahestehenden Blättern fortgesetzt angreifen und noch mehr ridiküli-sieren als sachlich bekämpfen. Aus dem unerquicklichen Prozeß Tauschwar Marschall kompromittiert hervorgegangen. Seine Wendung von derFlucht in die Öffentlichkeit, zu der er durch die gegen ihn gerichtetenAngriffe gezwungen worden sei, kam zwar als geflügeltes Wort in denBüchmann , aber nicht ohne einen Beigeschmack von Lächerlichkeit.

Seit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck, seit sieben Jahren,hatte in Berlin nicht ein solcher Wirrwarr geherrscht. Endlich nahm dieUngewißheit ein Ende.

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