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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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dazu rechnet er die Tätigkeit des Hirten, des Ackerbauers, des Fischers, desJägers und merkwürdiger Weise auch den Seeraub und die Kriegskunst,soweit diese gegen solche Menschen sich richtet, »welche, obgleich von Naturdazu bestimmt, sich nicht wollen beherrschen lassen«. In diesen Dingenscheint ihm der wahre Reichtum zu bestehen; »denn das zum Lebensgenußhinreichende Maß von solchem Besitz ist nicht unbegrenzt«. Es gebe alsoeine »naturgemäße« Erwerbskunst für Haushalter und Staatsmänner. Es gebeaber noch eine andere Art von Erwerbskunst, die man vorzugsweise undmit Recht Bereicherungskunst nenne; 1 ) für sie scheine Reichtum und Besitzkein Ziel zu haben. Sie sei mit- der Bedarfsdeckungswirtschaft verwandt;sie sei aber mit ihr weder einerlei, noch auch von ihr sehr entfernt. Jenesei naturnotwendig, diese beruhe auf Übung und Kunstfertigkeit.

Der Kleinhandel gehört nach Aristoteles seinem Ursprung nach nochnicht zur Bereicherungskunst; der Tauschhandel, der nur ein Gebrauchsgutgegen ein anderes vertauscht, dient bloß zur Bedarfsdeckung. Aber aus ihmwurde eine Kunst. Da nämlich das zur Ergänzung des naturgemäßen Be-darfs Nötige immer weiter hergeholt wurde, indem man einführte, woranman Mangel, und ausführte, woran man Überfluß hatte, kam man not-wendiger Weise auf den Gebrauch des Geldes; denn nicht jedes den Be-dürfnissen unmittelbar dienende Gut läßt sich leicht verfrachten. Nun kamdie Erwägung auf, bei welchem Umsatz des Geldes man am meisten Gewinnmache. Es entstand die Bereicherungskunst; ihre Aufgabe ist, ausfindig zumachen, bei welchem Umsatz des Geldes man am meisten Gewinn machenkönne. Sie ist als die Kunst anzusehen, Reichtum und Schätze zu erwerben.Sie ist Sache des Handels. Er hat es nur mit dem Gelde zu tun; denn dasGeld ist Anfang und Ende des Tausches; und der Reichtum, der aus dieserArt von Bereicherungskunst stammt, ist wirklich ohne Grenzen. Ihr Ziel istein unbegrenzter Reichtum und Geldbesitz.

Der Unterschied zwischen der Haushaltungskunst und der Bereicherungs-kunst ist also nach Aristoteles der, daß jene in der Bedarfsdeckung ihreGrenze sieht, während diese ins Unendliche strebt. Der Handel ists, der ihrseinem innersten Wesen nach dient; aber nicht bloß der Handel. Es ist zubeachten, daß Aristoteles das Streben nach unbegrenztem Reichtum von derPersönlichkeit nicht loslöst; vielmehr sagt er, »weil die Lust zu leben insUnendliche geht, so verlangen die Menschen nach endloser Anhäufung derMittel dazu«; er erklärt es als Ausfluß der Unendlichkeit des Begehrens derMenschen. Daher diese auch, wo sie die Mittel zu diesem Übermaß des

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