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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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ausgerottet werden, so war der Verfall schon lange vorher eingetreten undaus Ursachen, welche mit der Vertreibung der Juden nicht das Geringstezu tun haben.

Aber auch die übrigen angeblichen Belege, welche Sombart in diesemZusammenhang beibringt, erweisen sich nur als Staunen erweckende Blen-dungsversuche. So, wenn er fortfährt: »Das 15. Jahrhundert bringt denJuden die Vertreibung aus den wichtigsten deutschen Handelsstädten: Köln (1424/25), Augsburg (1439/40), Straßburg (1438), Erfurt (1458), Nürnberg (1498/99, Ulm (1499), Regensburg (1519).« Denn wenn wir von Regens-burg absehen, sind das 15. und die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts füralle genannten deutschen Städte die Zeit ihrer höchsten Blüte; Regensburg aber hatte schon lange vorher seine frühere Bedeutung verloren.

Und wenn wir nach den Ländern blicken, in welche die 14921497aus der pyrenäischen Halbinsel vertriebenen Juden sich hingewandt haben,so waren dies vor allem die europäische und asiatische Türkei und Nord-afrika . Die Türken waren damals allerdings im Vordringen, und dies sowiedie Toleranz des Islam konnte die vertriebenen Juden wohl anlocken; aberniemand wird behaupten, daß die 120000 Juden, die nach Sombarts Ge-währsmann in diese Länder eingewandert sind, diesen zu einer beherrschendenwirtschaftlichen Stellung geholfen hätten. Und wenn Sombart behauptensollte, er habe seine Behauptung von dem sonnengleichen Zuge Israels auchnur für dessen Wanderungen in Europa aufgestellt, so sollen von den nachseinem Gewährsmann noch verbleibenden 43000 Juden 9000 in Italien ein-gewandert sein; Italien aber ist im 16. Jahrhundert nicht mehr im Auf-steigen, sondern im Rückgang. Und wenn Sombart dagegen hervorhebt,daß ja die Juden auch 1492 aus Sizilien, 1540/41 aus Neapel , 1550 ausGenua , in demselben Jahr aus Venedig vertrieben worden seien, so schreibtMuratori 1 ) noch von der außerordentlich großen Zahl von Juden, von denenes seit ihrer Vertreibung aus Spanien durch Ferdinand und Isabella in denitalienischen Städten wimmele. Nur 3000 von den vertriebenen Juden fernersind nach Sombarts Gewährsmann nach Frankreich eingewandert, das im16. Jahrhundert weit mehr als Italien aufzublühen beginnt; 25000 sollensich auf Holland, Hamburg, England, Skandinavien verteilt haben. Davon

*) Quod si nunc in aliis compluribus Italiae Urbibus recutita gens ab-undat, it potius Hispaniae, quae onus eiusmodi a se amotum in nos effudit, esttribuendum. Nam Anno MCCCCXCII iussu Ferdinandi ac Isabellae Regum eius-modi progenies in immensum aucta, ex finibus universae Hispaniae deturbata est.Muratori, Dissertatio 16: De foeneratoribus, Judaeis etc. in Antiquitates Italicaemedii aevi t. I. p. 897898.