Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte
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wie der Schmied das Eisen. Ein Christ, der Kaufmann sein wolle,sei ausgestoßen aus der Kirche. Diese Lehre hält Heinrich von Gent wiederholt mit Nachdruck fest. Aber damit sei keineswegs gesagt,daß jedweder Handel verboten sei, bei dem eine Sache, ohne durchgewerbliche Arbeit veredelt worden zu sein, teuerer wiederverkauftwerde. Man muß sich die Worte des Chrysostomus nur genaueransehen (ponderanda sunt verba Chrysostomi). Er verurteilte,wenn eine Ware, ohne eine Veränderung erfahren zu haben, teuererwiederverkauft wird. Aber meint er damit, daß die Veränderunggerade durch Arbeit vor sich gehe, wie sie der Schmied verrichtet?Gewiß nicht. Veränderung durch Schmiedearbeit ist nur ein Bei-spiel. Außer durch Stofiveredlung kann eine Sache Veränderungenerfahren et ratione loci, et ratione temporis, et ratione ipsiusementis. Für den Fall, daß jemand eine Sache, die durch keinedieser drei Ursachen eine Veränderung erfahren hat, teuerer wieder-verkauft, ist der Satz des Chrysostomus wahr. Solches Verkaufenist Sünde. Nicht aber, wenn eine Veränderung vor sich gegangenist: 1. Ratione loci. Wenn jemand eine Ware von einem Orte,wo sie im Überflüsse und daher geringwertig ist, nach einem Orteüberführt, wo sie selten und daher wertvoll ist, werden die Warendurch die Ortsveränderung wertvoll. Der Kaufmann, der dieseOrtsveränderung vornimmt und dann die Waren teuerer wieder-verkauft, als er sie gekauft hat, begeht damit ebensowenig eineSünde wie der Schmied, der das von ihm bearbeitete Eisen teuererwiederverkauft. Dabei bringt der Seehandel größeren Gewinnals der Landhandel, weil die Kosten des Seehandels geringeresind. 2. Ratione temporis. Wenn ein in der auf die weltlichenGüter bezüglichen Kunde Erfahrener weiß, wann die Waren seltenund daher wertvoll sind, und wann im Überfluß und daher gering-wertig, Waren in der Zeit, in der sie geringwertig sind, kauft,um sie in eine Zeit, in der sie wertvoller sind, zu übertragen, sodürfen die Waren schon, weil sie durch die Aufbewahrung (percustodiam temporis) kostbar geworden sind, teuerer wieder ver-kauft werden. 3. Ratione ementis. Wenn jemand kraft seinerSachkenntnis erkennt, welche Waren die wertvollsten sind, undsie kauft, darf er sie teuerer wieder verkaufen. So, wenn einPferdekenner auf dem Pferdemarkt den Wert von Pferden erkennt,deren Wert andere mit geringerer Pferdekenntnis nicht erkennen,und die Pferde kauft, so werden die Pferde, weil jedermann den