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England und Deutschland, eine wirtschaftspolitische Studie : Festschrift zur Feier des Geburtstages... des Großherzogs Friedrich... / v. Schulze-Gaevernitz
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Vom deutschen Standpunkt aus ist diese industrialistische Entwicklungzu bejahen, trotz der Gefahren, die sie in sich schliesst.

Ein Landheer allerersten Ranges, welches uns im Notfall gegenzwei Grossmächte verteidigt, ist bei der Unsicherheit aller Bündnisse und denGefahren unserer geographischen Lage die wichtigste Forderung unseresnationalen Daseins. Auf schmaler Fläche zusammengedrängt, ohneNeuland, nicht übermässig reich an Naturschätzen verdanken wirlediglich der industriestaatlichen Entwicklung die fortlaufende Verstärkungunserer militärischen Machtstellung durch Zuwachs an Geld und Menschen.Ihr verdanken wir es, wenn wir trotz aller Hasser und Neider heute sicherund geachtet in Europa dastehen. Denn weder auf agrarer, noch aufkleingewerblicher Grundlage wären jene Militärvorlagen möglich gewesen,welche aus reichlich zuströmendem Rekrutenangebot in kurzen Zwischen-räumen immer wieder vermehrte Heereszififern schöpften. Dass wir mitdieser Art der Friedenswahrung auf dem richtigen Wege sind, zeigt dieTatsache, dass das deutsche Reich von seiner Rüstung nicht erdrücktwird, sondern wirtschaftlich fortschreitet und in seiner allgemeinen Wehr-pflicht sogar eine Vorschule zum Industrialismus besitzt.

Aber die Gegenwart weist über Europa hinaus. Eine Entwicklungist zum vollen Durchbruch gelangt, welche in den englisch- französischenKämpfen des achtzehnten Jahrhunderts angebahnt und von Napoleonbewusstermassen erfasst war: Die europäische Geschichte wurde überden Rahmen Europas hinaus erweitert und zur Weltgeschichte im eigent-lichsten Sinne des Wortes gesteigert. Es handelt sich heute um Er-schliessung, Beherrschung und Besiedelung jener breiten Gebiete der Halb-kultur und der Barbarei, die bisher von der Geschichte unberührt waren.Es handelt sich um ihre kapitalistische Ausbeutung, aber auch um ihrekulturelle Erziehung. Diejenigen Nationen, welche an dieser Entwicklungvollen Anteil nehmen, wachsen über den Rahmen des alten Gleichgewichtshinaus und werden zu eigentlichenWeltmächten. Wer mit diesenWeltmächten nicht Schritt zu halten vermag, hat keine Aussicht, in den